Die Bücherverbrennung in Essen
Bücherverbrennung auf dem Gerlingplatz
"Verspätete" Bücherverbrennung in Essen
Die Essener waren mit ihrer Bücherverbrennung Nachzügler, denn in den Universitätsstädten des deutschen Reichs loderten die Flammen bereits am 10. Mai. Da das Ruhrgebiet keine Universitäten aufwies, blieben an diesem Tag die Vernichtungsaktionen aus. Doch in den einzelnen Städten wurden sie schnell nachgeholt, so am 29. Mai in Dortmund und am 3. Juni in Bochum. Allein Essen fehlte, obwohl das Helmholtz-Realgymnasium bereits am 19. Mai vorgeprescht war. Auf dem Schulhof wurden Bücher von Toller, Renn, Thomas Mann, Zuckmayr etc., die teils aus der Schulbibliothek stammten, teils von den Schülern mitgebracht worden waren, verbrannt. "Mit innerer Genugtuung", berichtete die National-Zeitung, "sahen Schüler und Lehrer, wie Buch auf Buch in den Flammen verschwanden. Unter dem Gesang des Liedes: 'Flamme empor...' fand der Verbrennungsakt seinen Abschluß."
Das Helmholtz-Realgymnasium fand keine schulischen Nachahmer. Fast bedauernd informierte die Maria-Wächtler-Schule die Öffentlichkeit: "Die MWS hat nie in den Beständen ihrer Schülerinnenbüchereien eins von den Büchern besessen, die jetzt in öffentlichen Listen als undeutsch und volkszersetzend gebrandmarkt werden. Deshalb konnten wir auch keine Bücherverbrennung veranstalten."
Richard Euringer - Initiator der Bücherverbrennung
Fragen wir nach dem Grund, warum eine Bücherverbrennung in Essen so spät noch inszeniert wurde, so stoßen wir auf Richard Euringer, den neu ernannten Leiter der Stadtbücherei. Er war wohl der einzige Bibliotheksleiter in Deutschland, der freiwillig und voller Begeisterung an diesem barbarischen Akt teilnahm, und höchstwahrscheinlich ging sogar von ihm die Initiative aus, weil er gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein Zeichen setzen wollte.
Bereits vor seinem Dienstantritt hatte Euringer, der 1933 zur ersten Garde der nationalsozialistischen Schriftsteller gehörte, seine Pläne der Öffentlichkeit verkündet. Das oberste Ziel lautete: "Niederringung der verheerenden Literatur". Und für ihn stand auch fest, dass dies nicht allein "literarisch" zu schaffen sei. "Nur die Waffen der Politik schlagen dem giftigen Literaten die Feder endgültig aus der Hand."
Euringer ließ seinen Worten Taten folgen. Er begann sofort mit einer Sichtung des Büchereibestandes, bei dem alle Werke und Schriften aus dem Ausleihverkehr genommen wurden, "deren Inhalt mit der nationalsozialistischen Ideenwelt in Widerspruch stehen". Der Aussonderungsaktion fielen mehr als 18.000 Bände zum Opfer, von denen ein Teil am 21. Juni 1933 verbrannt wurde.
Literatur:
Klaus Wisotzky, Essen, in: Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, hg. von Julius Schoeps und Werner Treß, Hildesheim u.a. 2008, Seiten 322-327
Klaus Wisotzky, Richard Euringer. NS-Literat und Leiter der Stadtbücherei, in: Essener Beiträge 112 (2000), Seiten 128-151


