Zollverein-Ensemble ist Weltkulturerbe

Eine Auszeichnung für das gesamte Ruhrgebiet

Essen - Freitag, 14. Dezember 2001

Das stilisierte Bild des Doppelbockfördergerüstes ist längst über die Grenzen der Region und auch Deutschlands hinaus bekannt und zum Markenzeichen des Ruhrgebiets geworden. Es stellt die Schachtanlage XII der Zeche Zollverein in Essen dar. Das Zollverein-Areal im Essener Norden mit der Zeche Zollverein Schacht XII, der Kokerei Zollverein und den Schachtanlagen 1/2/8 gehört bereits zu den bedeutendsten Industriedenkmälern Europas. Auch auf der Vorschlagliste für das UNESCO-Weltkulturerbe fehlte Zollverein nicht. Während ihres 25. „world heritage meetings“ im finnischen Helsinki war es an der UNESCO, zu beurteilen, ob Essens Industriedenkmal das Zeug zum Weltkulturerbe hat. Heute nun hat sich das „world heritage committee“ entschieden: Zollverein ist Weltkulturerbe. Das Komitee begründet seine Entscheidung damit, dass Zollverein ein außergewöhnliches industrielles Denkmal sei. Seine Gebäude und Anlagen seien herausragende Beispiele für die Anwendung der Gestaltungsprinzipien der Bauhaus-Architektur in einem industriellen Kontext. Als Leiter der deutschen Delegation betonte Dr. Wolfgang Roters, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Entwicklungsgesellschaft Zollverein, in seiner Dankesrede, dass mit der Aufnahme von Zollverein in die Welterbeliste das industriekulturelle Erbe des Ruhrgebietes insgesamt geadelt werde. „Zollverein hat damit die Chance, zum identitätsstiftenden Zeichen für die künftige Entwicklung im Ruhrgebiet zu werden“, so Roters in Helsinki. Zollverein ist in diesem Jahr die einzige deutsche Stätte, die aufgenommen wurde. Damit steht Zollverein unter dem Schutz der Internationalen Konvention für das Kultur- und Naturerbe der Menschheit. Mit der 1972 verabschiedeten Konvention beabsichtigt die UNESCO, Kultur- und Naturstätten, die „außergewöhnlichen universellen Wert“ besitzen, zu erhalten. Zollverein entspricht den in der Konvention festgelegten Kriterien der „Einzigartigkeit“ und „Authentizität“. Denkmäler werden zudem nur dann in die Liste des Welterbes aufgenommen, wenn ein überzeugender „Erhaltungsplan“ vorliegt. Auch diese Voraussetzung erfüllt Zollverein mit dem im diesen Jahr vorgelegten Managementplan und der Gründung der Entwicklungsgesellschaft Zollverein. Nach ihrer Inbetriebnahme 1932 galt die Zeche als Wunderwerk der Rationalisierung. Täglich wurden hier 12.000 Tonnen verwertbarer Kohle gefördert, die dreifache Menge dessen, was Zechen vergleichbarer Größe in Europa produzierten. Epochemachend war vor allem auch die Architektur; sie wirkte beispielgebend für drei Jahrzehnte Industriebau im Ruhrgebiet. Streng geometrisch durchgestaltet, spiegelt sie die Funktionalisierung der einzelnen Arbeitsabläufe wider. Die vom Bauhaus beeinflussten Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer entwarfen die Zeche Zollverein Schacht XII, Fritz Schupp Ende der 50er Jahre auch die benachbarte Kokerei Zollverein. „Die schönste Zeche der Welt“, so lautet das eindeutige Urteil vieler Besucher des Industriedenkmals. Als einzige Zeche in Deutschland ist Zollverein nach Stillegung des Förderbetriebs als Gebäudeensemble vollständig erhalten. Sie ist nach den Plänen des Essener Architekturbüros Böll und Krabel behutsam und denkmalgerecht restauriert worden. In Essen zeigen sich Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Reiniger, Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt und Georg Arens, Geschäftsführer der Essener Wirtschaftförderungsgesellschaft mbH, erfreut über den UNESCO-Bescheid: „Die Aufnahme von Zollverein in die Welterbeliste attestiert uns, dass sich unser Engagement für den Standort gelohnt hat.“ „Die Wahl ist nicht nur eine Auszeichnung für die Stadt Essen, sondern für das gesamte Ruhrgebiet. Zollverein ist ein Symbol für den Strukturwandel einer ganzen Region“, so der Oberbürgermeister. Am 23. Dezember 1986 legte man die Zeche Zollverein still. Die Schachtanlage XII wurde unter Denkmalschutz gestellt und vom Land Nordrhein-Westfalen angekauft. Am 22. September 1989 gründen die LEG Landesentwicklungsgesellschaft NRW GmbH und die Stadt Essen die Bauhütte Zeche Zollverein Schacht XII GmbH. Über zehn Jahre hinweg plante und realisierte sie die Sanierung und neue Nutzung von etwa zwei Drittel der Anlage im Treuhandauftrag des Landes mit Geldern der Europäischen Union, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Essen. Der monumentale Maschinenpark der Übertageanlage ist noch im Originalzustand erhalten und heute „Museum Zollverein“. Das Nutzungskonzept für die restaurierten Gebäude folgt dem Leitbild „Kunst und Design auf Zollverein“. Seit Anfang der 90er Jahre haben sich auf Zollverein rund zwei Dutzend renommierte Institutionen, Büros und Unternehmen unterschiedlicher Größe aus den Bereichen Kunst, Kultur, Design und Neue Medien angesiedelt. Das Design Zentrum Nordrhein Westfalen beispielsweise siedelte sich 1997 im ehemaligen, vom Architekten Lord Norman Foster umgebauten Kesselhaus an. Seit 1998 koordiniert und organisiert die vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Essen gegründete Stiftung Zollverein die Aktivitäten auf der Zollverein Schachtanlage XII. Die zentralen Aufgabenbereiche der Stiftung Zollverein sind neben der Denkmalpflege, dem Betrieb des Museum Zollverein und des Besucherzentrums die Öffentlichkeits-arbeit und das Marketing für das Ensemble, die Organisation von Kulturveranstaltungen - wie den Zollverein Konzerten oder Ausstellungen - und die Vermittlung zwischen den Interessen der Nutzer. Nicht zuletzt ist das weitläufige Zollverein-Gelände Veranstaltungsort für Kongresse, Tagungen, Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Events. Als Leitprojekt der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA, 1989-1999) ist Zollverein zentraler Ankerpunkt der gemeinsam mit dem Kommunalverband Ruhrgebiet entwickelten „Route der Industriekultur“ und beherbergt deren Besucherzentrum. Auf der sogenannten „schwarzen Seite“ der Kokerei Zollverein, einem Standort der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur des Landes NRW, fand unter anderem die Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne“ zum Finale der IBA 1999 statt – mit 400.000 Besuchern ein Publikumsmagnet. Seit Sommer dieses Jahres befindet sich im ehemaligen Salzlager auf der „weißen Seite“ der „Palast der Projekte“, eine Dauerinstallation des berühmten russisch-amerikanischen Künstlers Ilya Kabakov; die Einrichtung eines Kabakovzentrums mit Archiv im Nachbargebäude ist in Planung. Ein weiteres Kunstprojekt der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur ist die „Zeitgenössische Kunst und Kritik“, die zunächst über fünf Jahre saisonale Kunstprojekte auf der Kokerei initiiert und umsetzt. Die Entwicklung des Standortes ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Die im Mai dieses Jahres gegründete Entwicklungsgesellschaft Zollverein mbH (EGZ), von der Stadt Essen und der Projekt Ruhr GmbH als Vertreterin des Landes NRW zu gleichen Teilen getragen, soll diese fortführen und Zollverein zu einem integrierten Design- und Kulturstandort entwickeln. Weitere Informationen: Entwicklungs-Gesellschaft Zollverein, Simone Doell, Telefon 0201/ 8543190

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