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Das Historische "Stahlbuch" der Stadt Essen

Vorwort zum historischen Stahlbuch

Foto: Kalligraphisch gestaltete erste Seite des Stahlbuches

Ausstellungseröffnung "Mensch und Tier" 1935

Foto: Kalligraphisch gestalteter Text im Stahlbuch "Eröffnung der Ausstellung Mensch und Tier"

Eintrag der japanischen Olympia-Fußballmannschaft 1936

Foto: Japanische Schriftzeichen als Unterschriften im Stahlbuch

Historisches "Stahlbuch" 1934 bis 1945

Beinahe jede Stadt besitzt ein "Goldenes Buch", in das sich bedeutende Persönlichkeiten während ihres Besuches eintragen. Nicht so Essen. Hier ließ der seit 1933 amtierende Oberbürgermeister Theodor Reismann-Grone ein "Stahlbuch" als Gästebuch anlegen. Zur Begründung führte er an: Essen, "die größte Metallstadt Deutschlands", habe ihren Aufstieg vor allem der Kruppschen Gußstahlfabrik zu verdanken, daher sei ein "Stahlbuch" angemessener als ein "Goldenes Buch".

"Stahlbuch" aus Kruppstahl

Dem Namen gemäß wurden für den Einband, gestaltet von der Buchbindemeisterin Frida Schoy, Stahlplatten verwandt, die bei der Firma Fried. Krupp aus einem 1500 Kilogramm wiegenden gegossenen Block aus nichtrostendem Chrom-Nickel-Stahl herausgearbeitet worden waren. Als einzige Verzierung schmückte die Vorderseite des Buches das Stadtwappen, eine Emailarbeit der Goldschmiedemeisterin Sigrid Keetmann.

Die Eintragungen

Den Anstoß zur Anlegung des "Stahlbuches" gab die Hochzeit des Gauleiters der NSDAP, Josef Terboven, an der Adolf Hitler und Hermann Göring als Trauzeugen teilnahmen. Um dieses Ereignis am 28. Juni 1934 festzuhalten, hatte die Stadt Essen ihr Gästebuch begonnen. "Es soll" – so ist im Vorwort zu lesen – "ein Ausdruck dafür sein, daß heute mit dem Dritten Reich und diesem Buch eine neue Epoche der Stadt eingeläutet wird." Nach Hitler und Göring folgten weitere NS-Größen. Zu nennen wären der Reichsorganisationsleiter der NSDAP

und Chef der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, die Reichsminister Frick, Dorpmüller und Speer. Letzterer besuchte die Stadt nach den ersten großen Bombenangriffen im März 1943. Von den ausländischen Gästen sind vor allem die Vertreter des faschistischen Italiens zu erwähnen: Ferruccio Lantini, der italienische Korporationsminster, und Tullio Cianetti, Präsident der Industriearbeiter-Konförderation, der sich als einziger mit einem Spruch verewigte: "La mia simpatia per la Citta di Essen, cuore di acciaio della Germania amica." – Wörtlich übersetzt: "Meine Sympathie der Stadt Essen, Herz des Stahls des befreundeten Deutschlands". Die Reihe der Eintragungen beschränkte sich nicht allein auf die NS-Größen und Politiker, wir finden auch Industrielle – z.B. Albert Vögler, Ernst Tengelmann oder Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (letzteren sogar zweimal) -, Schriftsteller und Künstler, deren Namen aber nur noch einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sind. Die Namensliste endet mit Essener Ritterkreuzträgern und den Angehörigen eines Stoßtrupps der rheinisch-westfälischen Hammer-Division.

"Stahlbuch" nach 1945 - Ja oder Nein?

Die Aufzählung deutet bereits die Probleme an, die die Verantwortlichen in der Nachkriegszeit mit dem "Stahlbuch" haben mussten, war es doch mehr oder weniger ein Ehrenbuch der Nazigrößen. Das Buch einfach so weiterzuführen kam also nicht in Frage. Doch kein Gästebuch zu haben war auch keine Lösung, denn je mehr sich die Lage stabilisierte desto mehr häuften sich die Besuche hochrangiger Persönlichkeiten.

Altes und neues "Stahlbuch"

Daher entschloss sich die Stadt, ein neues Gästebuch anzulegen, in das sich als erster der damalige Bundespräsident Theodor Heuss 1953 eintrug. Nach reiflicher Überlegung hatte man sich auch wieder für ein "Stahlbuch" entschieden, denn die Idee, dass ein solches für Essen passender sei als ein "Goldenes Buch", besaß weiterhin ihre Faszination, auch wenn sie von einem Nationalsozialisten herrührte. Und da der Einband von 1934 keinerlei NS-Insignien aufwies, verwendete man ihn auch wieder. Das Innenleben des alten Stahlbuchs kam hingegen als historisches Dokument ins Stadtarchiv.