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"Deckel auf den Pütt" - Zechensterben begann vor 50 Jahren

Luftbildaufnahme der Zeche Katharina in Essen-Kray

Foto: Luftbildaufnahme der Zechenanlage Katharina in Essen-Kray

Zeche Fritz Heinrich in Altenessen

Foto: Zeche Mathias Stinnes mit zwei Fördertürmen auf der rechten Seite, im Vordergrund mehrere Wohnhäuser

Schließung der Zeche Amalie in Essen-Altendorf

Foto: Zwei gefüllte und mit Kreide bemalte Kohleloren, dahinter und daneben stehen Bergmänner

Zeche Langenbrahm in Essen-Rüttenscheid

Foto: Blick auf das Zechengebäude der Zeche Langenbrahm, rechts ist ein Förderturm zu sehen

Zeche Carl Funke am Baldeneysee

Foto: Blick auf die Zechenanlagen der Zeche Carl Funke am Ufer des Baldeneysees, im Vordergrund ein Segelboot mit gehisstem Segel

Luftbildaufnahme der Zeche Carl Funke am Ufer des Baldeneysees

Foto: Luftbildaufnahme der Zechenanlage Carl Funke am Ufer des Baldeneysees in Essen-Heisingen



Im Februar dieses Jahres jährt sich zum fünfzigsten Mal der Beginn einer Entwicklung, welche das Gesicht und die Struktur Essens bzw. des Ruhrgebietes grundlegend verändern sollte - die Kohlenkrise.

Erste "Feierschichten"

Am 22.02.1958 wurden erstmalig nach 25 Jahren im Bergbau wieder "Feierschichten" verfahren. An jenem Tag mussten 16000 Ruhrbergleute ihre Arbeit ruhen lassen. Betroffen waren in Essen die Zechen Katharina, Dahlhauser Tiefbau und Rosenblumendelle/Wiesche.

1958 erstmals rückläufige Kohleförderung

Zum 1. Mal seit Kriegsende war die Kohleförderung an der Ruhr rückläufig, da preisgünstigere Importkohle und Erdöl die heimische Steinkohle als Energieträger zunehmend in Bedrängnis brachten. Hierdurch wurde eine unerwartete Überproduktionskrise ausgelöst, welche die Kohlehalden wachsen ließ. Von Dezember 1957 – Januar 1958 verloren die Zechen im Bereich der Magerkohle einen großen Teil ihres Absatzes.

Zwischen 1957 und 1969 ging der Anteil der Steinkohle am Primärenergieverbrauch in der Bundesrepublik von 69,8 auf 32,3 Prozent zurück, außerdem stellte neben dem Erdöl auch die staatlich subventionierte Kernenergie im weiteren Verlauf der Bergbaukrise eine zusätzliche Konkurrenz dar.

Die ersten Zechen schließen

Die Situation auf dem Energiemarkt zeigte in Essen, der ehemals größten Bergbaustadt des Kontinents, schon ein Jahr nach dem Beginn der Kohlenkrise ihre ersten Folgen. Im Jahr 1959 stellte die Kleinzeche Jungmann in Rellinghausen und die zum Bergwerk Victoria Mathias gehörende Kokerei Friedrich-Ernestine den Betrieb ein. Im gleichen Jahr sank die Beschäftigtenzahl im Essener Bergbau auf unter fünfzigtausend (46.242).

Zweite Kohlenkrise

Mitte der 1960er Jahre verschärfte sich die Lage. Auf den erneuten Absatzrückgang reagierten die Bergwerksunternehmen mit massiven Plänen zur Stilllegung, für die insgesamt 25 Zechen des Ruhrgebietes angemeldet wurden. Fünf davon waren auf Essener Gebiet: Amalie in Altendorf, Helene in Altenessen, Friedrich-Joachim in Schonnebeck, Victoria Mathias in der Innenstadt, Langenbrahm in Rellinghausen sowie der Essener Schacht Hagenbeck der Mülheimer Zeche Rosenblumendelle. Die Zahl der auf diesen Schachtanlagen Beschäftigten belief sich auf über dreizehntausend.

Auswirkungen des "Zechensterbens" in Essen

Nach dem kriegsbedingten Verlust der Stahlindustrie bedeutete das Zechensterben für die Stadt Essen und ihre Bürger einen weiteren herben Einschnitt. Der Essener Rat fasste am 10. November 1964 eine einstimmige Protestresolution und forderte Hilfe ein. Der Oberstadtdirektor erwartete empfindliche finanzielle Einbußen für Essen und ging von einem Steuerrückgang von sieben Millionen DM aus. Rat und Verwaltung der Stadt Essen wandten sich 1965 und 1972 in Denkschriften an die Öffentlichkeit und warnten vor den Folgen der bisherigen und zukünftigen Zechenstilllegungen. Von den 23 Zechen, die sich 1950 in Essen befanden, existierten 1965 noch 14 und 1968 nur mehr 5.

Neuordnung des Steinkohlenbergbaus durch die Ruhrkohle AG

Zwar arbeiteten die Bergwerksgesellschaften und die Gewerkschaften gemeinsam an der Sicherung eines ruhigen und reibungslosen Ablaufs der Sanierungen, doch eine soziale Abfederung war nur mit Hilfe des Staates möglich. Es wurde eine Neuordnung des deutschen Steinkohlenbergbaus anvisiert, die schließlich mit der Gründung der Essener Ruhrkohle AG am 27. November 1968 realisiert wurde. Die Einheitsgesellschaft koordinierte den Abbau der Förderkapazitäten und Belegschaften.

Notwendiger Strukturwandel

Mit dem Niedergang des Bergbaus ging die Zahl der Erwerbstätigen in Essen zwischen 1960 und 1970 um 12,6 % zurück. Neben den sozialen Folgen stellte sich die Frage, wie man die ehemaligen Zechenareale sinnvoll weiternutzen und umstrukturieren sollte. Die Stadt versuchte, dem Rückgang der Erwerbstätigkeit entgegenzuwirken, indem sie auf die Verbreiterung der Wirtschaftsstruktur hinarbeitete. Hierfür wurden mit finanzieller Hilfe von Bund und Land ehemalige Zechenareale angekauft, saniert und erschlossen, um die notwendigen gewerblichen Flächen für die Gewerbeansiedlung zu schaffen.

Essens letzte Zechen schließen

Bis 1975 wurden auch die Zechen Katharina, Mathias Stinnes, Emil Fritz und Carl Funke/Pörtingsiepen geschlossen. Etwas über ein Jahrzehnt verblieb Zeche Zollverein als letzte fördernde Zeche. Mit der Schließung der Zeche Zollverein im Jahr 1986 endete Essens Tradition als Bergbaustadt endgültig.

Im Stadtarchiv bleibt die Bergbautradition lebendig

Die Bergbaukrise stellt einen entscheidenden Faktor im Wandel Essens von der Stadt der Schwerindustrie zur Dienstleistungs- und Verwaltungsstadt dar. Während das historische Erbe des Bergbaues im Stadtbild nur in ausgewählten architektonisch und kulturgeschichtlich besonders wertvollen Stätten der Industriekultur gepflegt wird, bleibt Essens Bergbautradition in den Beständen des Stadtarchivs lebendig.
Der interessierte Besucher wird hier unter anderem in den sogenannten "Zechenakten", den Baugenehmigungsakten der Tagesanlagen fast aller Essener Zechen, fündig. Ferner dokumentieren im Stadtarchiv aufbewahrte Akten die Bemühungen der Stadtspitze, die Herausforderungen der Zechenstilllegungen zu meistern.  

Literatur
Thomas Dupke, Vom Wiederaufbau zum Strukturwandel - Essen 1945 bis 2000. In: Ulrich Borsdorf (Hg.), Essen. Geschichte einer Stadt, Essen/Bottrop 2002
Rat und Verwaltung der Stadt Essen (Hg.), Denkschrift über die Auswirkung der Bergbaukrise in der Stadt Essen, 1965
Rat und Verwaltung der Stadt Essen (Hg.), Denkschrift über die Auswirkungen bisheriger und künftiger Zechenstilllegungen in der Stadt Essen, 1972
Essener Chronik 1958
Klaus Wisotzky, Vom Kaiserbesuch zum Euro-Gipfel. 100 Jahre Essener Geschichte im Überblick, Essen 1996
Sabine Voßkamp, "Zwischen Gestern und Morgen". Sozialer Wandel und Kohlenkrise im Stadtkreis Essen 1958 – 1969. In: Essener Beiträge/Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen, Historischer Verein für Stadt und Stift Essen (Hg.), 115. Band, Klartext-Verlag, Essen 2003