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42 Milliarden Mark für 1 Kilo Brot! - Notgeld im Jahre 1923

Notgeldschein der Stadt Essen vom 3. August 1923

Foto: Notgeldschein der Statd Essen über 500000 Mark vom 3. August 1923

Notgeldschein der Stadt Essen vom 19. Oktober 1922

Foto: Notgeldschein der Stadt Essen über tausend Mark mit drei Abbildungen von arbeitenden Männern und einem Vater mit Kind

Spottgeldschein von 1923

Historischer Spottgeldschein: Zwei französische Soldaten entreißen zwei deutschen Kindern einen Handkarren mit Kohle

Notgeldschein der Firma Krupp vom 1. Juni 1923

Foto: Notgeldschein der Firma Krupp über 20000 Mark mit historischer Abbildung von Stahlarbeitern

Notgeldschein des Landkreises Essen vom 15. August 1923

Foto: Notgeldschein des Landkreises Essen über eine Milliarde Mark mit Abbildung eines historischen Gebäudes

Notgeldschein der Goldschmidt Aktiengesellschaft vom September 1923

Foto: Notgeldschein der Goldschmidt Aktiengesellschaft über 200 Milliarden Mark vom September 1923

Notgeldschein der Stadt Essen vom 25. Oktober 1923

Foto: Notgeldschein der Stadt Essen über fünf Billionen Mark vom 25. Oktober 1923

Die Inflation des Jahres 1923 hat sich im Gedächtnis der Deutschen tief eingegraben. Der Geldwerteverfall und die damit einhergehende große Not weiter Bevölkerungsteile hatte ein bis dahin nie gekanntes Ausmaß angenommen.

Erster Weltkrieg

Bis zum Ersten Weltkrieg war das Phänomen der Inflation nahezu unbekannt. Entsprechend verunsichert nahm die Bevölkerung den Verlust der Kaufkraft während des Kriegsverlaufs wahr. Die damalige wilhelminische Reichsregierung hatte durch sog. Kriegsanleihen und durch eine Erhöhung des Geldvolumens die hohen Kriegskosten finanziert. Gleichzeitig führte die Konsumgüterknappheit zu Preissteigerungen, die durch die wachsende Geldmenge wiederum verstärkt wurden. Die Hoffnung, nach gewonnenem Krieg die Schulden durch Reparationszahlungen der Kriegsgegner wieder abtragen zu können, blieb Illusion. Deutschland hatte den Krieg verloren und die Inflation hatte die Kaufkraft in Deutschland halbiert.

Folgekosten des verlorenen Krieges

Die neue republikanische Regierung stand vor der schweren Aufgabe, die immensen Folgekosten des verlorenen Krieges zu bewältigen. Sie setzte deshalb während der Demobilmachung ebenfalls auf eine "Politik des leichten Geldes" (Peukert). Kriegsopfer wurden entschädigt, Beamtengehälter und Fürsorgeleistungen finanziert, die Wirtschaft wurde bei ihrer Umstellung auf Friedensproduktion durch Subventionen und Kredite unterstützt. Eine erneute Halbierung des Wertes der Mark im ersten Nachkriegsjahr war die Folge, ein Ende der Inflation nicht absehbar.

Im Jahre 1922 stieg die Inflation dramatisch an. Innenpolitische Probleme - die Hälfte aller Staatsausgaben musste durch die Notenpresse finanziert werden - und Auseinandersetzungen um die von Deutschland zu zahlenden Reparationszahlungen waren hierfür wichtige Ursachen.

Ruhrbesetzung

Ihren absoluten und für das Land katastrophalen Höhepunkt erreichte die Inflation jedoch  mit dem Ruhrkampf. Am 11. Januar 1923 hatten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt, um ihren Forderungen nach Erfüllung der ausstehenden Reparationen Nachdruck zu verleihen. Die Reichsregierung  rief die Bevölkerung in den Ruhrgebietsstädten zum passiven Widerstand auf.

Im Spätherbst 1923 konnten die Druckmaschinen, obwohl Tag und Nacht in Betrieb, nicht mehr mit der Entwertung des Geldes Schritt halten. Städte, Unternehmen, Länder und Provinzen druckten Notgeld als Ersatzwährung, um ihren Arbeitern die Löhne auszahlen zu können. Der Währungsverfall schritt so schnell voran, dass das soeben erhaltene Geld oft ein, zwei Stunden später nichts mehr wert war. Jeder bemühte sich, das soeben erhaltene Geld möglichst schnell in Sachwerte umzutauschen.

Höhepunkt der Inflation

Wirtschaftlicher Abschwung, die Finanzierung des passiven Widerstands gegen die Besetzung mit Hilfe der Notenpresse, erstmalig größere Arbeitslosigkeit und Hungerunruhen führten zu einem völligen Vertrauensverlust auf den Devisenmärkten. Ca. 400 Trillionen Mark Bargeld waren in Umlauf, der Dollar wurde mit 4,2 Billionen Mark bewertet (zum Vergleich: 1914 noch mit 4,20 Mark). So kostete . ein Pfund Rindfleisch Ende September 1923 50-68 Millionen, ein Pfund Butter 100 Millionen und ein Ei 9 Millionen Mark.
Die Papiermark hatte ihre Funktion als Zahlungsmittel faktisch verloren.
Am 15. November gründete die Reichsregierung eine deutsche Rentenbank. Sie bot als Sicherheit wertbeständigen Grund und Boden an, was zur innen- und außenpolitischen Akzeptanz der neuen Parallelwährung führte.

Ende der Inflation

Die endgültige Regelung der Reparationszahlungen (Dawes-Plan) im Jahre 1924 führte schließlich zu einer endgültigen Stabilisierung der deutschen Währung. Im August 1925 verließen die letzten französischen Soldaten das Ruhrgebiet.

Notgeldsammlung im Stadtarchiv

Das Stadtarchiv Essen besitzt eine Notgeldsammlung. Jeder Interessierte hat die Möglichkeit, sich diese Sammlung während der Öffnungszeiten im Lesesaal anzusehen.

Literatur:
Peukert, Detlev, "Die Weimarer Republik". Moderne Deutsche Geschichte, Band 9, Frankfurt 1987, Seite 71 ff.
Schröter, Hermann "Essener Notgeld", in: Tradition, 1961, Seite 1 ff.
Schulze, Wolfgang, "Das Notgeld von Essen-Ruhr", in: Münzfreunde Essen e.V., Schriftenreihe Band 3, Essen 1978
Ebd. "1923: Ein Brötchen für 20 Milliarden Mark. Ruhrkrise und Inflation", in: 1050 Jahre Steele. Beiträge zur Heimatgeschichte, Seite 97 ff., Essen 1988