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Vor 90 Jahren - die Sozialisierung des Bergbaus wird verkündet

Flugblatt des Essener Arbeiter- und Soldatenrates vom Januar 1919

Flugblatt: Der Arbeiter- und Soldatenrat Essen verkündet den Sieg des Sozialismus durch die Besetzung des Kohlensyndikats im Januar 1919

Verwaltungsgebäude des Bergbau-Vereins in Essen

Postkarte: Historisches Verwaltungsgebäude um 1900

Das Ende des Kapitalismus?

Am 11. Januar 1919 verkündeten in ganz Essen Flugblätter mit großen Lettern den "Sieg des Sozialismus". Sichtbares Zeichen dafür sei die Besetzung des Kohlensyndikats und des Bergbau-Vereins, "der Zentrale der kapitalistischen Ausbeutung" und der "Zwingburg der zechenherrlichen Gewalt". Angeordnet hatte den "ersten Schritt auf dem Wege zum Zukunftsstaat" der Essener Arbeiter- und Soldatenrat. Die Aktion erregte nicht nur in Essen und im Ruhrgebiet Aufsehen, sondern sie beschäftigte auch die Berliner Regierungsstellen.


Wie ist es zu dieser spektakulären Tat gekommen? Welche Gründe besaß der Essener Arbeiter- und Soldatenrat für sein Handeln?

Sieg der Revolution

Blenden wir zurück. Am 9. November 1918 hatte die Revolution gesiegt. Überall in Deutschland hatten sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die die lokale Macht übernahmen, der Kaiser war zurückgetreten und nach Holland geflohen und die Regierung hatte der "Rat der Volksbeauftragten", bestehend aus je drei Vertretern der 

SPD

und der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei), inne. Doch trotz des Umsturzes stieg im Ruhrgebiet die Unzufriedenheit der Bergarbeiter von Tag zu Tag. Sie hatten auf eine grundlegende Veränderung ihrer sozialen Lage gehofft und waren enttäuscht worden. Die Lohnzugeständnisse fielen gering aus, und die Lebensmittelversorgung war weiterhin katastrophal. Zudem hatten sie ihr Privileg einer kürzeren Arbeitszeit gegenüber den anderen Berufsgruppen verloren, als der Acht-Stunden-Tag allgemeine Norm geworden war. So kam es im westlichen Ruhrgebiet - vor allem in (Duisburg-)Hamborn - immer wieder zu Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen.

Besetzung der "Zentrale der kapitalistischen Ausbeutung"

Zu Beginn des Jahres 1919 hatten die Streiks auch Essen erreicht und sie zeitigten Auswirkungen, die der Essener Oberbürgermeister Dr. Hans Luther in einem Schreiben an den Arbeiter- und Soldatenrat in düsteren Farben schilderte. Die für die Versorgung mit Elektrizität und Gas erforderliche Kohle reiche nur noch für Stunden. Es drohe der Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftslebens im Ruhrgebiet. Elend und Hunger - so die einhellige Meinung aller Entscheidungsträger - seien die unausbleiblichen Folgen.
In dieser Notlage entschloss sich der Arbeiter- und Soldatenrat, das Kohlensyndikat und den Bergbau-Verein zu besetzen und eine Kontrollkommission einzusetzen. Sie sollte nicht nur die ersten Maßnahmen für die Sozialisierung ergreifen, sondern vor allem das Geschäftsgebaren des Bergbaus untersuchen. So sollte von Vertretern der Bergarbeiterschaft geklärt werden, ob die Bergbaugesellschaften in der Lage seien, die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Belegschaften zu verbessern. Der Arbeiter- und Soldatenrat hoffte, mit diesen Schritten die Bergarbeiter zu beruhigen, Vertrauen zu schaffen und damit die verhängnisvollen Streiks zu beenden. Folgerichtig riefen auch alle Parteien einschließlich der Spartakusgruppe zur Wiederaufnahme der Arbeit auf.

Das umkämpfte Ende der Sozialisierungsbewegung

Die Rechnung ging insofern auf, als dass die Streiks verebbten. Doch das Vorgehen des Essener Arbeiter- und Soldatenrats, das von einem Kongress aller Arbeiter- und Soldatenräte des Ruhrgebiets am 13. Januar 1919 gebilligt worden war, fand keine Unterstützung bei den Berliner Zentralinstanzen. Sie wollten eine so weitreichende Entscheidung wie die Sozialisierung des Bergbaus der am 19. Januar gewählten Nationalversammlung vorbehalten und bekämpften daher zusammen mit den Gewerkschaften und den Unternehmern die beschlossenen Maßnahmen.
Die Lage eskalierte, als im Februar Truppen ins Ruhrgebiet einmarschierten und es zu blutigen Zusammenstößen in Dorsten und Bottrop kam. Der Aufruf zum Generalstreik bis zur Zurückziehung des Militärs führte zu einer tiefgehenden Spaltung der Bergarbeiterschaft, da er von den Gewerkschaften und den Sozialdemokraten nicht mitgetragen wurde. Welche Verbitterung über die Entwicklung herrschte, zeigte sich noch einmal an der Streikbewegung im April 1919. Es war der größte Bergarbeiterausstand im Revier. Doch der Kampf blieb ohne Erfolg. Der bereits verkündete "Sieg des Sozialismus" stellte sich nicht ein.

Literatur:

  • Tampke, Jürgen: The Ruhr and Revolution: The origin and course of the revolutionary movement in the Rhenisch-Westphalian industrial region, 1912-1919 (1975)
  • Glück auf, Kameraden! Die Bergarbeiter und ihre Organisationen in Deutschland, hrsg. von Hans Mommsen und Ulrich Borsdorf, Köln 1979
 
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