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Erstmalig Frauen im Essener Stadtparlament

Aufruf der Zentrumspartei Borbeck zur Großen Frauenversammlung

Plakat: Aufruf der Borbecker Zentrumspartei zur Großen Frauenversammlung anlässlich der Stadtverordnetenwahlen in Essen 1919

Wahlkampf in Essen

"Wer will, dass die sozialen Rechte der Arbeiter, Angestellten und Beamten in den städtischen Betrieben geachtet und die Arbeits- und Dienstverhältnisse in zeitgemäßer Weise vorbildlich geregelt werden; wer will, dass die Gemeindesteuern gerecht verteilt werden; wer will, dass unsere Straßenbahn baldmöglichst kommunalisiert wird, der wähle Liste Laarmann." Mit diesen Worten warb die katholische Zentrumspartei in Essen um die Stimmen des Wahlvolks bei der Kommunalwahl am 2. März 1919. Die Sozialdemokraten beklagten hingegen die angehäuften städtischen Schulden und prangerten die Defizite in der Lebensmittelversorgung an.

Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts

Dem Ausgang der Wahl wurde mit Spannung entgegengefiebert, denn es galt nicht mehr das ungerechte Dreiklassenwahlrecht, bei dem die männlichen Wähler nach ihren Steuerleistungen drei Klassen zugeordnet wurden, wobei jede Klasse ein Drittel der Stadtverordneten wählte. Im Extremfall bestimmte ein Wähler der Klasse 1 genau so viele Abgeordnete wie die gesamte dritte Klasse, so geschehen in Essen im Jahre 1874. Aber auch im Jahre 1900 standen drei Wählern der ersten Klasse 18.991 Wähler der Klasse III gegenüber.

Dieses undemokratische Wahlrecht, das die Besitzenden bevorzugte, war nach der Revolution im November 1918 abgeschafft worden. Die neue Regierung, der Rat der Volksbeauftragten, hatte am 12. November 1918 verkündet: "Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht … für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen." D.h. das Wahlalter wurde von 24 auf 20 Jahre verringert, und es durften alle Essener, unabhängig von ihrem Einkommen und, auch das eine Neuerung, alle Essenerinnen wählen.

9 Frauen im neugewählten Stadtparlament

Das neue Stadtparlament unterschied sich aufgrund dieser Veränderungen im Wahlrecht grundlegend von dem alten, in dem die bürgerlichen Nationalliberalen und Konservativen dominiert hatten. 1909 stellte das Zentrum 18 von 58 Abgeordneten, während die Sozialdemokratische Partei gar nur mit zwei Abgeordneten vertreten war. Zehn Jahre später erreichte der Nationale Verein nur noch 15 von 102 Sitzen, während das Zentrum die absolute Mehrheit mit 46 Mandaten knapp verfehlt hatte. Auf die Sozialdemokraten entfielen 33 Sitze (24 Mehrheitssozialdemokraten und 9 Unabhängige Sozialdemokraten), dennoch waren sie die großen Verlierer. Bei der Wahl zur Nationalversammlung hatten sie noch 78.000 Stimmen auf sich vereinigen können, wenige Wochen später waren es lediglich 49.000. Bei den Anhängern der MSPD oder der USPDhatte sich Unzufriedenheit über die politische und soziale Entwicklung seit der Novemberrevolution breit gemacht und sie äußerte sich im Boykott der Wahl, zu dem auch die Kommunisten aufgerufen hatten.

Als das neue Parlament am 21. März zum ersten Mal zusammentrat, hatten sich nicht nur die Mehrheitsverhältnisse geändert. Erstmals zogen mit der Lehrerin Franziska Gosewinkel, der Näherin Maria Giesing, der Lyzealdirektorin Antonie von Loesen (alle Zentrum), der Oberin Maria Lenbert (Nationaler Verein), den Lehrerinnen Maria Edler und Anna Bohn-Engelhardt (beide Deutsche Demokratische Partei) sowie den Sozialdemokratinnen Emma Grasse, Monika Hinrichs und Emma Leder Frauen in den Stadtrat ein.

Martin Krolik - erster sozialdemokratischer Beigeordneter

Auch wenn die Politik fortan maßgeblich vom Zentrum bestimmt wurde, blieb bei der Stadtspitze alles beim Alten. Der Oberbürgermeister Dr. Hans Luther hatte zwar sein Amt gleich in der ersten Ratssitzung zur Verfügung gestellt, doch das Parlament sprach ihm das Vertrauen aus. Änderungen gab es hingegen im Beigeordnetengremium. So war mit Martin Krolik zum ersten Mal ein Sozialdemokrat zum Beigeordneten gewählt worden.

Lit.: Herbert Kühr, Parteien und Wahlen im Stadt- und Landkreis Essen in der Zeit der Weimarer Republik, Düsseldorf 1973

 
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