Umschlag des Donnerstagsheftes Nr. 10

über Politik, Kultur, Gesellschaft

Alte Synagoge Essen, Heft 10, Oktober 2016

Die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Staatsbürger wurde mit der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert als politisches Ziel formuliert. Im Zuge der preußischen Reformen sowie der Befreiungskriege wurde die sogenannte Judenemanzipation teilweise erreicht, aber erst durch ihre Verankerung in der Deutschen Reichsverfassung von 1871 formal abgeschlossen. Gleichwohl gab es weiterhin viele Einschränkungen. So blieben Juden in Preußen beispielsweise die Offizierslaufbahn und die ordentliche Professur verwehrt. Ihre Tätigkeitsfelder waren die freien Berufe, die Wirtschaft, die Medien, die Literatur und die bildenden Künste.

Fortbestehende rechtliche Diskriminierungen im Deutschen Kaiserreich und ein mehr oder weniger offen zutage tretender Antisemitismus verstärkten einerseits den Wunsch vieler arrivierter Juden nach gesellschaftlicher Anerkennung und völliger rechtlicher Gleichstellung. Das führte zu unterschiedlichen Formen der Anpassung - bis hin zur christlichen Taufe. Andererseits aber pflegten jüdische Angehörige der künstlerischen Avantgarde einen dezidierten Nonkonformismus und lehnten die bestehende Gesellschaftsordnung ab.

Der Kriegsausbruch im August 1914 bedeutete auch für das deutsche Judentum eine Zäsur. Steffen Bruendel zeigt auf, wie arrivierte und avantgardistische Literaten und andere Künstler im Spannungsfeld von Nonkonformismus und Überanpassung reagierten, als sich Deutschland im Kiregszustand befand. Er schildert, wie sie den Krieg vier Jahre lang an Front und Heimatfront erlebten und ihn künstlerisch verarbeiteten. Zudem legt er dar, welche Auswirkungen das Kriegserlebnis auf ihr Selbstverständnis als Juden in Deutschland hatte, denn nicht erst 1918 wurde zur nächsten Zäsur des deutsch-jüdischen Zusammenlebens, sondern bereits das Kriegsjahr 1916.

 
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