Lehrhaus für Jugendliche

für Schüler*innen ab der 7. Klasse

Geeignet sind die Lehrhäuser für folgende Personengruppen:
Schüler des Sekundarstufen I/II allgemeinbildender und berufsbildender Schulen, Jugendliche/ junge Erwachsene aus anderen Bereichen (Zivildienstleistende, Jugendorganisationen, kirchliche Einrichtungen etc.). Ausgerichtet sind die Lehrhäuser auf Gruppen bis zu 30 Teilnehmern. Der Workshop soll 3 Stunden mit einer kurzen und einer längeren Pause in der Mitte dauern.

Zur Info: Es können nicht 2 Lehrhäuser parallel stattfinden !

Modul 1: Geschichte des Hauses

Vermittlungsziel:
Die Schüler*innen sollen auf unaufdringliche, spielerische und unterhaltsame Weise die Geschichte des Hauses kennenlernen. Darüber hinaus erfahren sie die Alte Synagoge Essen als geschichtsträchtigen, aber vor allem auch als einen kulturell lebendigen Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen.

Zusammenfassung:
Der historisch stark geprägte Workshop arbeitet bewusst mit einer großen Methodenvielfalt. Es kommen interaktive spielerische Elemente aus der Theaterpädagogik ebenso zum Einsatz wie Overhead-Projektionen von Archiv-Bildern und eigenständige Text- und Recherchearbeit der Jugendlichen – sowohl anhand von Original-Textquellen als auch anhand von Informationstexten in der Ausstellung (Touchscreens). Vor allem aber wird auch der Raum des Gebäudes einbezogen und erfahrbar gemacht. Mithilfe einer während des Workshops zu vervollständigenden Zeitschiene werden die geschichtlichen Ereignisse und wechselnden Nutzungsformen des Gebäudes veranschaulicht. In Form eines Readers erhalten die Schüler*innen zudem interessante Zeitdokumente, mit denen im Workshop gearbeitet wird.

Begonnen wird mit einem allgemeinen Überblick zum Thema „Synagoge“. Diesbezüglich werden anhand eines Holzmodells der Alten Synagoge die verschiedenen Bestandteile des jüdischen Gotteshauses genauer veranschaulicht. Zeitgleich sollen die Schüler*innen anhand der Dauerausstellung dafür sensibilisiert werden, dass sich die kulturelle Vielfalt innerhalb des Judentums auch in der Architektur der verschiedenen Synagogen in aller Welt widerspiegelt und sich ebenfalls jüdisches Leben an die jeweilige Umgebung anpasst. Im Anschluss werden die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Judentums thematisiert, wobei auch die damit einhergehenden Probleme bezüglich des Zusammenlebens von Juden mit unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund skizziert werden. Im weiteren Verlauf des Modules wird ein besonderes Augenmerk auf die Reichspogromnacht (9./10. November 1938) gelegt, in welcher die Alte Synagoge im Inneren nahezu vollständig zerstört wurde und ihre Funktion als Gotteshaus für immer verlor.

Zum Schluss wird noch ein Ausblick auf die weitere Nutzung des Gebäudes bis zur heutigen Zeit gegeben. In diesem Kontext wird anhand der Verwendung der Alten Synagoge den SchülerInnen vor Augen gehalten, wie sich der Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit seitens der deutschen Gesellschaft im Verlauf der Jahrzehnte von Ignoranz über Akzeptanz bis hin zur Aufarbeitung verändert hat.

Anbindung an die Schulfächer Geschichte, Sozialwissenschaft, Deutsch und Politik.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 9

Modul 2: jüdische Feste: Pessach und Schabbat

Vermittlungsziel:
Die Jugendlichen lernen Inhalt, Symbolik und Ablauf dieser beiden Feste kennen und können von daher auf ihre grundlegende Bedeutung für das jüdische Volk schließen. Abhängigkeiten, Parallelen und Differenzen zu christlichen Festen werden aufgezeigt und diskutiert.

Zusammenfassung:
Pessach: Die Schüler*innen sollen die Bedeutung von Pessach als Fest zu Ehren der Befreiung der Juden aus Ägypten kennenlernen. Des Weiteren werden Inhalt, Symbolik und Ablauf der Sederfeier thematisiert, um von dort aus auf die grundlegende Bedeutung des „Exodus-Ereignisses“ für das jüdische Volk schließen zu können. Die Schüler*innen sollen im Pessach ein Beispiel für symbolreiches jüdisches Erinnern entdecken, das Hoffnungsgehalt für Gegenwart und Zukunft in sich birgt. Es sollen Parallelen und Differenzen zwischen dem christlichen Ostern und dem jüdischen Pessach gefunden werden.

Schabbat: Die Schüler*innen sollen den Inhalt und den Ablauf der Schabbatfeier kennenlernen und auf die herausragende Bedeutung dessen für das Leben des jüdischen Volkes schließen können (positiver Inhalt des Schabbatgebotes, Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Schöpfer, Tag der Freude, ökologischer Aspekt, soziale Gerechtigkeit). Es sollen Abhängigkeiten, Parallelen und Differenzen zum christlichen Sonntag und zwischen Schabbat-, Pessach und Abendmahl entdeckt werden. Es soll sich mit der Frage auseinander gesetzt werden, ob Christen von der Schabbatpraxis der Juden lernen können, im Hinblick auf Umgang mit der Schöpfung, Arbeit, Zeit und dem Sonntag. Dabei werden auch unterschiedliche innerjüdische Zugänge zum Fest Schabbat diskutiert.

Beide Feste werden durch entsprechende Exponate in der Dauerausstellung und kleineren Gruppenarbeiten veranschaulicht bzw. aufgearbeitet.

Anbindung an die Schulfächer Religion und Praktische Philosophie.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 7

Modul 3: Islam und Judentum

Vermittlungsziel:
Das Modul vermittelt Grundwissen über das Verhältnis von Judentum und Islam. Dabei soll ein besonderes Augenmerk sowohl auf die gemeinsame Geschichte als auch auf Parallelen und Unterschiede beider Glaubensrichtungen gelegt werden.

Zusammenfassung:
Zu Beginn wird den Schüler*innen vor Augen geführt, wie sich Deutschland auf religiöser Ebene in der Realität zusammensetzt. Dies soll die Teilnehmenden (gerade im Hinblick auf das Ruhrgebiet) dafür sensibilisieren, dass es markante Unterschiede zwischen der persönlichen bzw. öffentlichen Wahrnehmung und der tatsächlichen Verteilung von Religionen im Deutschland gibt.

Vor dem Hintergrund ihrer gemeinsamen Geschichte stellt das Modul den langen religiösen und kulturellen Austausch zwischen Islam und Judentum dar. Somit soll es aufzeigen, dass jüdische ältere Traditionen Einfluss auf Muhammad und den Koran ausübten, dies aber nur Wenigen bekannt ist. SchülerInnen sollen sich aus diesem Grund in Form von verschiedenen Gruppenarbeiten Basiswissen zu unterschiedlichen Themen (Ruhetag, Speisegesetze, „Heilige Sprache“ im Gottesdienst, Kalender, Bilderverbot etc.) und zum meist friedlichen Nebeneinander von Juden und Muslimen im Osmanischen Reich (1517-1917) als „Schutzverwandte" aneignen können. Im Zuge dessen diskutiert es ausgesuchte Parallelen und Unterschiede zwischen den Religionen. Auf diese Weise fördert es die aktive Reflexion zum interreligiösen Zusammenleben und hilft, Regeln für ein gelingendes Miteinander in der Gegenwart zu formulieren und eventuell vorhandene Vorurteile abzubauen.

Zum Schluss wird nach einem kurzen Überblick darüber diskutiert, welche Rolle Religionen im heutigen gesellschaftlichen Miteinander einnehmen.

Anbindung an die Schulfächer Geschichte, Sozialwissenschaft, Deutsch, Religion, Praktische Philosophie und Politik.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 7

Modul 4: Jüdische Geschichte als Teil der türkischen Geschichte

Vermittlungsziel:
Das Modul soll den Schüler*innen grundlegendes Wissen zur jüdischen Geschichte im Osmanischen Reich und der Türkischen Republik vermitteln.

Zusammenfassung:
Zu Beginn des Modules wird eine kurze Übersicht zur Einwanderung der Juden ins Osmanische Reich gegeben (nach 1492/96). Daran anschließend wird die weitere Entwicklung dieser Minorität im Osmanischen Reich bzw. in der heutigen Türkei bis ins 21. Jahrhundert erörtert. In diesem Kontext wird darüber diskutiert, welche Ursachen für die jeweiligen Entwicklungen verantwortlich sind. Basierend auf den damit einhergehenden Erkenntnissen wird ein historischer Exkurs über Rechte und Pflichten von Juden, welche wie die Christen den Status als „Schutzverwandte“ hatten, unter Osmanischer Herrschaft gegeben. Hierbei soll das ambivalente Verhältnis zwischen jüdischer Minderheit und der türkisch-islamischen Mehrheitsgesellschaft nachgezeichnet werden. Unterschiede zwischen dem Leben jüdischer Gemeinschaften unter christlicher und islamischer Herrschaft sollen diskutiert, die gegenwärtige Situation der jüdischen Gemeinde in der Türkei problematisiert und der kulturelle/religiöse Austausch zwischen beiden Glaubensrichtungen dargestellt werden.

Im Anschluss sollen die Schüler*innen in Gruppenarbeiten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Judentum erarbeiten. Dies umfasst Themen wie den „Ruhetag“, die Speisevorschriften oder die jeweilige „Heilige Sprache“ im Gottesdienst. Als Grundlage für die Bearbeitung der Aufgaben dient die Dauerausstellung in welcher u. a. die Synagoge „La-Ghriba“ auf Djerba genauer untersucht wird. Für etwaige Rückfragen steht den verschiedenen Gruppen stets der Lehrhausbegleiter*in zur Verfügung. Am Ende dieser Gruppenarbeit, welche auch gleichzeitig den Kern des Modules darstellt, werden die Gruppen ihre Ergebnisse zusammentragen und die wichtigsten Aspekte schriftlich in Form einer allgemeinen Übersicht fixiert haben.

Im letzten Modulteil wird genug Raum zur Diskussion bezüglich des Themas „Das Leben als Minderheit in der Gesellschaft“ gegeben. Die Schüler*innen sollen kritisch über Integration von Minderheiten diskutieren und ihre eigenen Erfahrungen mit in die Diskussion einfließen lassen. Dabei wird bewusst auf eine vorgefertigte Struktur verzichtet, sodass verschiedenste Themen kontrovers besprochen werden können.

Anbindung an die Schulfächer Geschichte, Sozialwissenschaft, Deutsch, Religion, Praktische Philosophie und Politik.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 7

Modul 5: Hohe Feiertage: Rosch ha-Schana und Jom Kippur

Vermittlungsziel:
Das Modul vermittelt Grundwissen über die beiden „Hohen Feiertage“ im Herbst Rosch ha-Schana (Neujahr) und Jom Kippur (Gerechtigkeits- und Versöhnungstag). Vor dem Hintergrund ihrer Zusammengehörigkeit stellt es die Bedeutung beider Feste innerhalb der jüdischen Religion dar.

Zusammenfassung:
Ein besonderes Augenmerk soll zu Beginn auf den jüdischen Kalender gelegt werden, welcher ein gemeinsamer Rahmen für Juden in aller Welt ist. Hierbei werden sowohl die Berechnungsgrundlagen zur Erstellung des Kalenders als auch die Unterschiede zum hiesigen gregorianischen Kalender kurz skizziert. Außerdem wird gezeigt, dass jüdische Festtage maßgeblich den jüdischen Alltag beeinflussen und jüdisches Leben insgesamt stark vorstrukturieren.

Folglich thematisiert das Modul die beiden "Hohen Feiertage" Rosch ha-Schana und Jom Kippur. In diesem Kontext werden unterschiedliche Fragen wie „Welche Bedeutung haben diese Feste innerhalb der jüdischen Religion?“ geklärt. Ihre biblischen Ursprünge und die mit ihnen zusammenhängenden Bräuche und Traditionen werden erörtert. Ein Teil der Schüler*innen wird sich auch mit Festtagen beschäftigen, die an die „Hohen Feiertage“ angrenzen, damit diese im Hinblick auf den jüdischen Kalender richtig verortet werden können. Insgesamt liegt stets ein zentraler Fokus auf der eigenständigen Erkundung und Recherche innerhalb der Dauerausstellung. Neben den angrenzenden Feiertagen werden ebenfalls Rituale, Gebete und Speisen für die „Hohen Feiertage“ genauer betrachtet. Abgeschlossen werden die damit einhergehenden Gruppenarbeiten mit einer anschließenden Kurzpräsentation, die den restlichen Schüler*innen den jeweiligen Erkenntnisstand vermitteln, sodass alle Teilnehmenden das gleiche Basiswissen besitzen.

Am Ende wird diskutiert, ob es einmal im Jahr einen Tag der Versöhnung mit den Mitmenschen geben soll. Diese Diskussion ist bewusst offen gestaltet, sodass die Schüler*innen sowohl die eigenen Erfahrungen als auch möglichst viele Ideen miteinander besprechen können.

Anbindung an die Schulfächer Religion und Praktische Philosophie.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 7

Modul 6: Jüdischer Way of Life: Jüdische Identitäten in der heutigen Zeit

Vermittlungsziel:
Das Modul vermittelt Grundwissen über die jüdische Kultur bzw. das jüdische Leben heute mit besonderem Augenmerk auf Deutschland. Ziel ist es, einen Einblick in verschiedene Segmente jüdischen Alltags und ein Gespür dafür zu geben, wie schwierig es ist, Judentum als Kultur überhaupt zu definieren.

Zusammenfassung:
Für den Einstieg in das Modul wird sich mit der innerjüdischen Debatte um die Frage „Wer ist eigentlich Jude?“ auseinandergesetzt. Diese Frage ist bis heute keineswegs eindeutig geklärt: Während orthodoxe Juden nur die Abstammung von der Mutter anerkennen, akzeptieren liberale Juden auch die Abstammung vom Vater. Allerdings definieren sich viele junge Juden nicht mehr über die Religion, sondern über kulturelle Aspekte, wodurch die Debatte nicht mehr nur auf religiöser Ebene betrachtet werden darf.

Da der Begriff Kultur eng mit der jeweiligen Definition von Identität verbunden ist, wird in einem zweiten Schritt versucht, herauszuarbeiten, wie überhaupt (jüdische) Identität zustande kommt. Dabei sollen die Schüler*innen ihre eigene Vita mit einbringen, sodass sie einen ersten Eindruck davon erhalten, wie maßgeblich Kultur an der eigenen Persönlichkeitsbildung mitwirkt und wie schwierig es ist, Judentum als reine Kultur definieren, denn auch die verschiedenen Identitäten wiederum prägen die Kultur, in der sie leben, mit. Dazu gehören gerade im Hinblick auf die jüdische Identität als Kernelemente die Religion und die eigene Familiengeschichte, sodass insbesondere im Judentum Religion und Kultur niemals als strikt voneinander getrennte Sphären gesehen werden dürfen.

In einem nächsten Schritt werden in Gruppenarbeiten die Schüler*innen verschiedene Aspekte jüdischer Kultur mit Hilfe der Dauerausstellung erkunden. Hierbei wird bewusst die jüdische Religion in den Hintergrund gestellt und sich vielmehr auf die weltlichen Elemente konzentriert. Themen der Gruppenaufgaben sind: Sprachen, Kleidung, Speisegesetze, Zeitungen/Zeitschriften und Musik. Beendet wird dieses Segment durch eine gemeinsame Zusammenfassung, welche durch kurze Impulsreferate seitens der Schüler*innen unterstützt wird.

Im letzten Modulteil wird ein Ausblick auf das Leben von Juden im heutigen Deutschland gegeben. Hierbei wird nicht nur die Entwicklung der letzten 30 Jahre veranschaulicht, sondern auch auf die religiöse Pluralität aufmerksam gemacht, die im heutigen Judentum allgemein vorzufinden ist. Darüber hinaus lernen die Schüler*innen etwas über die Geschichte und Bedeutung von jüdischen Sportvereinen, welche ein wichtiges Element für viele Juden bei der Suche nach der eigenen Identität waren.

Zum Schluss wird versucht, basierend auf den Erkenntnissen dieses Modules, verschiedene (jüdische) Identitätstypen zu definieren, welche einen Eindruck vermitteln sollen, wie überhaupt (jüdische) Kultur zustande kommt und über welche Strukturen sich (jüdische) Identität und Kultur gegenseitig beeinflussen. Die Schüler*innen entwickeln so ein Gespür dafür, was es bedeutet, von jüdischer Kultur zu reden und wie Komplex die Erfassung dieses Themenfeldes tatsächlich ist. Sie sollen in einem zweiten Schritt für den Umgang mit der eigenen Kultur und Identität sensibilisiert werden.

Anbindung an die Schulfächer Geschichte, Sozialwissenschaft, Deutsch, Religion, Praktische Philosophie und Politik.

Empfehlung: Ab Jahrgangsstufe 7

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