Come out, Essen! Ausstellung zur Geschichte lesbisch-schwuler Emanzipation wird im Essener Rathaus gezeigt

24.07.2020

Gleichgeschlechtliche Paare können heute in Deutschland heiraten. Manche Ministerinnen und Minister oder Oberbürgermeisterinnen oder Oberbürgermeister bekennen sich offen als schwul oder lesbisch. In Essen setzt sich seit einigen Jahren eine städtische Koordinierungsstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Akzeptanz und Gleichstellung ein. Solchen und weiteren Erfolgen ist ein langer Kampf lesbischer und schwuler Initiativen vorausgegangen – in Essen, im Ruhrgebiet und deutschlandweit. Eine Ausstellung, die der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen am Freitag, 31. Juli, als Schirmherr eröffnen wird, zeichnet nun die Geschichte dieser Emanzipation seit Beginn des 20. Jahrhunderts nach.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den Gerüchten um Friedrich Alfred Krupps Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Verabschiedung eines ersten Handlungsprogramms gegen die Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen im Jahr 1999 im Essener Stadtrat und blickt abschließend auf die Erfolge lesbisch-schwuler Emanzipation der letzten Jahre. "Vor allem in Zeiten gesellschaftlichen Aufbruchs wie zu Beginn der Weimarer Republik oder als Folge der 68er-Bewegung sind lesbische Frauen und schwule Männer für ihre Rechte eingetreten, haben für Anerkennung und gegen Diskriminierung gekämpft", sagt Wolfgang D. Berude, Initiator der Ausstellung. "Wir zeigen dies an vielen Beispielen aus Essen und auch anderen Ruhrgebietsstädten." Berude, einer der Mitbegründer des Forums Essener Lesben und Schwule (F.E.L.S.) und des Arbeitskreises schwule Geschichte, recherchiert seit Jahrzehnten zu diesem Thema und hat sehr viel Material zu der Ausstellung beigesteuert.

Die Ausstellung blickt auch auf die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus. Die Nazis verschärfen den § 175 im Jahr 1935, und im Rahmen einer Gestapo-"Aktion gegen Homosexuelle" werden ab 1936 viele Männer aus Essen und Umgebung verhaftet, teilweise von Gerichten verurteilt und oft anschließend in Konzentrationslagern interniert. Viele überleben dies nicht. Und auch nach 1945 bleibt Sex zwischen Männern strafbar, der § 175 wird erst 1969 liberalisiert und 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

"Schwule und Lesben haben viel Mut gebraucht, einer in weiten Teilen homophoben Stimmung in der Gesellschaft, einem traditionell-bürgerlichen Rollenbild der Geschlechter und dem Strafgesetz zu trotzen. Viele haben es dennoch gewagt – die einen in Form individueller Lebensentwürfe, die anderen gemeinsam und öffentlich", sagt der Historiker Stefan Nies, der die Ausstellung im Auftrag der Stiftung Ruhr Museum kuratiert hat.

Eine eigene Installation verweist auf die Situation lesbischer Frauen in den 1950er- und 60er-Jahren, die besonders unter der weiblichen Rollenzuweisung als Ehefrau und Mutter leiden. "Die Strategie der meisten lesbischen Frauen, mit dieser bundesdeutschen Realität der 1950er- und 60er-Jahre umzugehen, ist es – so wird vermutet – unauffällig zu sein. Nicht selten werden Tarn- und heterosexuelle Scheinehen zwischen Schwulen und Lesben geschlossen, um sich gesellschaftlicher Diskriminierung zu entziehen", stellt die Bildungswissenschaftlerin Dr. Bettina Waffner mit Blick auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse fest.

Waffner gehört zu dem ehrenamtlichen Projektteam, das die Ausstellung gemeinsam mit dem Kurator Stefan Nies und Initiator Wolfgang D. Berude erarbeitet hat. Mitgewirkt darin haben zudem Dietrich Dettmann vom Magazin fresh, Markus Laubrock von der Aidshilfe, der Fotograf der Stadt Essen Moritz Leick, Michael Kleine-Möllhoff, der 1984 der erste offen schwule Ratsherr in Essen war, Friederike Ninnemann und Sabine Weinem von Frauen-Liebe im Pott – Flip e. V. sowie Sebastian Stute von der Koordinierungsstelle Gleichgeschlechtliche Lebensweisen LSBTI* der Stadt Essen. Der Historiker Dr. Frank Ahland aus Dortmund stand dem Projekt als wissenschaftlicher Berater zur Seite.

"Wenn wir nur über die Grenze in unser EU-Nachbarland Polen schauen, wo LSBTI* offen diskriminiert und einige Städte sich zynisch als 'LSBTI-frei' bezeichnen oder nach Ungarn, wo die Rechte von Transmenschen kürzlich stark eingeschränkt wurden, können wir stolz auf das sein, was bei uns alles erreicht wurde. Trotzdem gibt es noch viel zu tun“, sagt Sebastian Stute von der Koordinierungsstelle. "So wird auch heute noch Homosexualität im Sport oder in der Arbeitswelt teils tabuisiert, Transmenschen werden immer noch pathologisiert, und es gibt immer noch Eltern, die ihre nicht-heterosexuellen Kinder in Therapie schicken. Gleichberechtigung muss erkämpft werden – immer noch und immer wieder."

Zur Ausstellung "Come out, Essen! 100 Jahre lesbisch-schwule Emanzipation"

  • Rathaus Essen vom 3. bis 12. August 2020
    Rathaus Essen, Foyer, Porscheplatz 1, 45121 Essen (Eingang durch Haupteingang neben Rathausgalerie)
    Öffnungszeiten Ausstellung: Montag bis Donnerstag von 7 bis 16 Uhr, Freitag von 7 bis 15 Uhr
  • Volkshochschule Essen vom 27. August bis 8. Oktober 2020
    Volkshochschule Essen, Ausstellungsfoyer 2. Etage, Burgplatz 1, 45127 Essen
    Öffnungszeiten Ausstellung: Montag bis Freitag von 9 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag sowie am 26. und 27. September von 9 bis 18 Uhr.
  • Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv vom 15. Januar bis 4. März 2021
    Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv, Foyer, Ernst-Schmidt-Platz 1, 45128 Essen,
    Öffnungszeiten Ausstellung: Montag, Dienstag, Mittwoch 9 bis 15:30 Uhr, Donnerstag 9 bis 18 Uhr, Freitag 9 bis 13 Uhr

Die Eröffnung der Ausstellung am Freitag, 31.Juli, um 14:30 Uhr ist coronabedingt nur für geladene Gäste zugänglich. Die Ausstellung besteht aus 22 Roll-Ups und einer Installation. Zu der Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm (siehe Flyer) und Mitte/Ende August wird ein Begleitbuch zur Ausstellung erscheinen.

Die Ausstellung und das Begleitbuch wurden ermöglicht durch finanzielle Unterstützung von: Stiftung Ruhr Museum, Kulturamt der Stadt Essen, Sparkasse Essen, Sparkassenlotterie PS Sparen und Gewinnen, Alfred-Krupp-und-Friedrich-Alfred-Krupp-Stiftung und Hannchen-Mehrzweck-Stiftung für homosexuelle Selbsthilfe.

Herausgeber:

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