Studie zur syrischen Community in Essen Ergebnisbericht liegt vor

30.06.2021

Die Essener Stadtgesellschaft ist international und vielfältig. Seit 2015 sind viele Menschen aus Syrien nach Essen gekommen, um hier Schutz und möglicherweise eine neue Heimat zu finden. Die Zahl der Syrer*innen in Essen wuchs in den vergangenen Jahren von knapp 1.500 auf knapp 14.000 Personen. Syrer*innen sind inzwischen nach Türk*innen und Pol*innen die drittgrößte Bevölkerungsgruppe mit Zuwanderungsgeschichte in Essen. Nach der Phase der Erstversorgung von Geflüchteten zu Beginn der Flüchtlingswelle folgte die Phase der gesellschaftlichen Integration in das alltägliche Leben - mit der Stabilisierung der jeweils persönlichen Lebensverhältnisse, der Einbindung in den Arbeitsmarkt oder einer beruflichen Qualifizierung. Dieser Prozess stellt die Kommune vor Herausforderungen, die sie besser meistern kann, wenn sie Anforderungen, Problemstellungen und Bedarfe der Zugewanderten kennt und integrative Maßnahmen darauf abstimmen kann.

Die Stadt Essen hat deshalb mit Unterstützung des Ministeriums für Kinder, Familien, Frauen und Integration (MKFFI) des Landes Nordrhein-Westfalen, das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) damit beauftragt, eine wissenschaftliche Umfrage unter syrischen Zugewanderten durchzuführen. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, bedarfsgerechte Maßnahmen zur Unterstützung der Integration zu entwickeln. Die Umfrage wurde im Sommer 2020 durchgeführt.

Die Ergebnisse der mehr als 1.500 Befragungen sind nun in einem Bericht dargelegt. Dieser führt vor Augen, auf welchen Handlungsfeldern die Stadt ihre Integrationsarbeit im Sinne der Menschen weiter gestalten kann. Die Studie ist insofern eine bedeutende Vorarbeit für künftige Angebote.

Ziel der Studie war es, neben detaillierten Informationen über Bildungsstand, Arbeitsmarktteilhabe, Wohn- und Familiensituation auch Erfahrungen, Einstellungen und Wünsche beziehungsweise den Bedarf zu erfassen. Aus den Ergebnissen werden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die die Stadt Essen bei der Entwicklung von bedarfsgerechten Integrationsmaßnahmen unterstützen können.

Folgende Fragen sollen durch die Studie beantwortet werden:

  • Wie ist die Wohn- und die Familiensituation der Syrer*innen in Essen?
  • Wie stellen sich Erziehungsstile, Kontakte zu Bildungseinrichtungen und Bildungserwartungen von Eltern dar?
  • Über welche Ressourcen verfügen die Syrer*innen?
  • Welche Beratungs- und Bildungsangebote werden in Anspruch genommen?
  • Wie gestaltet sich die Arbeitsmarktintegration und welche Hindernisse bestehen?
  • Wo und in welchem Umfang besteht sprachlicher, schulischer oder beruflicher Qualifizierungsbedarf?
  • Wie zufrieden sind die Menschen in verschiedenen Lebensbereichen? Wie sieht es mit Willkommenskultur und Diskriminierungserfahrung aus?
  • Welche sozialen Kontakte bestehen und wer bietet Rat und Hilfe?
  • Welche Zukunftspläne haben die Zugewanderten?

Basis der Befragung war das Melderegister der Stadt Essen, das zum Stichtag 31. Mai 2020 Namen und Adressen von 8.410 erwachsenen syrischen Staatsbürger*innen in Essen enthielt. Angestrebt wurde, ausgehend von einer eher gering eingeschätzten Teilnahmebereitschaft, mit möglichst vielen Personen – auch mehreren pro Haushalt – ein Interview zu führen, es wurde keine Stichprobe gezogen. Dabei sollte eine für gesonderte Betrachtungen ausreichende Anzahl bestimmter Untergruppen (vor 2015 nach Essen Zugewanderte, Frauen, junge Erwachsene, Familien mit Kindern) gewährleistet sein.

Erfreulicherweise war die Teilnahmebereitschaft höher als erwartet. Es konnten 1.520 gültige Interviews geführt werden. Die Ausschöpfungsquote liegt damit bei 18 Prozent – legt man die 8.410 Adressen des Melderegisters zugrunde.

"Ich freue mich sehr über die große Bereitschaft der Menschen, die trotz der erschwerten Bedingungen während der Corona-Pandemie für ein Interview zur Verfügung gestanden haben", bedankt sich Oberbürgermeister Thomas Kufen. "Dadurch sind die Ergebnisse der Studie für die Stadt Essen repräsentativ. Dieser Erfolg ist auch der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie den vielen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus unterschiedlichen Institutionen in unserer Stadt zu verdanken. Mein Dank gilt auch dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (MKFFI) des Landes Nordrhein-Westfalen, das diese Umfrage mitfinanziert hat. Die Ergebnisse befähigen uns jetzt, unsere Integrationsarbeit zu justieren und die Erfahrung auch für zukünftige Integrationsprozesse zu nutzen."

Integrations- und Flüchtlingsminister Joachim Stamp: "Die Stadt Essen will die Potentiale syrischer Flüchtlinge nutzen und ausbauen – das ist ein gutes Beispiel für gelebte Weltoffenheit und Vielfalt. Das Land ist für die Stadt Essen und alle anderen Kommunen ein starker Partner in der Integrationsarbeit. Wir wollen gut Integrierten Chancen auf eine Bleibeperspektive bieten. Wichtige Bausteine sind für uns dabei die Novellierung des Teilhabe- und Integrationsgesetzes, die Teilhabe- und Integrationsstrategie 2030 und der Aufbau eines landesweiten Kommunalen Integrationsmanagements. Daneben unterstützen wir mit der Landesinitiative 'Durchstarten in Ausbildung und Arbeit' und zeigen mit unserer Integrations- und Wertschätzungskampagne #IchDuWirNRW Vorbilder. Das ist gerade für junge Menschen wichtig."

Handlungsempfehlungen

Die Studie kommt nach Auswertung aller Antworten zu folgenden Ergebnissen:

Die Stadtverwaltung sollte auch künftig die Integration der Syrer*innen in Essen unterstützen und mit moderatem Familiennachzug, aber nicht mit massiver Abwanderung rechnen. Eine erhöhte Nachfrage direkt bei Ämtern oder Einrichtungen der Stadtverwaltung ist aufgrund von beispielsweise Einbürgerungen und im gesamten Bildungssystem zu erwarten.

Das zentrale Handlungsfeld liegt in der sprachlichen und beruflichen Qualifizierung und damit der Verbesserung der Arbeitsmarktintegration. Die Deutschkenntnisse bedürfen einer deutlichen Verbesserung auf ein Niveau, das Qualifizierungsmaßnahmen und eine qualifizierte Erwerbstätigkeit ermöglicht.

Die Stärkung der Willkommenskultur und der Kampf gegen Diskriminierung ebenso wie eine stärkere Förderung des interkulturellen Dialoges unterstützen das Zugehörigkeitsempfinden und die Integration von Zugewanderten. Die interkulturelle Öffnung der Stadtverwaltung kann hierzu beitragen.

Die Quote der externen Kinderbetreuung und der Nutzung von Elternbildungsangeboten und anderer Kontaktmöglichkeiten sollte, ebenso wie die interkulturelle Kompetenz der Pädagog*innen, erhöht werden.

Die Programme für ehrenamtliche Lots*innen sollten unter Einbezug der Ehrenamt Agentur Essen oder anderer Ehrenamtsinitiativen ausgeweitet, aber auch stärker an die Zielgruppe kommuniziert werden.

Als Kommunikationskanäle können soziale Medien dienen, auch sollten Internetauftritte an die Zielgruppe angepasst werden und beispielsweise in arabischer und kurdischer Sprache angeboten werden. Erstellte Medien lohnen sich nur ergänzend, wichtig sind demgegenüber persönliche Zugänge in die Community.

Auch wenn sich die Wohnsituation entspannt hat, sollte die Versorgung mit angemessenem und bezahlbarem Wohnraum weiterhin auf der kommunalen Agenda stehen.

Beratungs- und Qualifizierungsangebote sollten auf Passgenauigkeit geprüft und effektiver beworben werden. Dabei sollte auf muttersprachliche und niedrigschwellige Angebote, interkulturelle Kompetenz und nachhaltige Qualifizierung gesetzt werden. Speziellere Beratungsangebote zur Arbeitsmarktintegration einschließlich Aus- und Weiterbildung, aber auch Asyl- und Rechtsberatung sollten bekannter gemacht werden. Allgemeine Beratungsangebote könnten stärker auf spezielle Angebote verweisen oder dahin vermitteln. Dazu ist eine noch stärkere Vernetzung notwendig. Diese könnte auch die Einbindung von Multiplikator*innen unterstützen.

Die Verwaltung will prüfen, inwieweit und welche berufs- oder qualifizierenden Angebote für Syrer*innen ausgebaut und besser angepasst und wie Kommunikation und Vermittlung verbessert werden können. Die Anerkennung und Erfassung vorhandener Bildungsressourcen sowie deren Einsatz sollten stärker unterstützt werden. Dies gilt sowohl bei Qualifizierungsmaßnahmen als auch bei der Arbeitsmarktvermittlung. Zu überlegen ist außerdem eine Anpassung oder Ausweitung der Angebote, die sprachliche und berufliche Weiterentwicklung verbinden. Hier gilt es, Modelle zur Eingliederung junger Syrer*innen in eine Ausbildung zu entwickeln, aber auch solche, die stärker an die vorhandenen Ressourcen anknüpfen.

Sinnvoll erscheint auch die Vernetzung und Abstimmung relevanter Akteure und Institutionen, um Bedarfe und Angebote besser in Einklang zu bringen, etwa über Servicestellen oder Kooperationsprojekte zur Vermittlung junger Geflüchteter in Ausbildung für Mangelberufe. Dabei könnten auch Arbeitgeber mit Förder- oder Informationsprogrammen stärker motiviert werden, in die Ausbildung der Syrer*innen zu investieren.

Herausgeber:

Stadt Essen
Presse- und Kommunikationsamt
Rathaus, Porscheplatz
45121 Essen
Telefon: +49 201 88 0 (Zentrale)
E-Mail: presse@essen.de
URL: www.essen.de/presse


Oberbürgermeister Thomas Kufen (links) bei der digitalen Pressekonferenz zu den Ergebnissen der Studie zur syrischen Community in Essen. Mit dabei Prof. Haci-Halil Uslucan, Leiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung.

Prof. Haci-Halil Uslucan spricht zu den Ergebnissen der Studie.
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