Schenkung von Dokumenten zur Schwedenspeisung nach dem Zweiten Weltkrieg an die Stadt Essen

Am 13. Oktober 2021 hat die Stadt Essen eine wertvolle Schenkung für das Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv erhalten. Der schwedische Staatsbürger Erik Forsberg überließ der Stadt Unterlagen aus dem Nachlass seines Großvaters Folke Linton (1906-1996), der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für das Schwedische Rote Kreuz die sogenannte Schwedenspeisung in der Stadt Essen organisiert hat. Übergeben wurden die Dokumente an Oberbürgermeister Thomas Kufen im Beisein des schwedischen Botschafters Per Thöresson, der sich aus diesem Anlass in das Stahlbuch der Stadt Essen eintrug. Auch Angehörige und Freunde der Familie Forsberg waren bei der Übergabe anwesend.

Die sog. Schwedenspeisung war eine der größten Massenspeisungen nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien und im westlichen Nachkriegsdeutschland. Ins Leben gerufen wurde sie vom schwedischen Roten Kreuz gemeinsam mit der Organisation Rädda Barnen - Save the Children auf Initiative von Folke Bernadotte Graf von Wisborg (1895-1948), dem damaligen Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes. Von Anfang 1946 bis April 1949 wurden vor allem Kleinkinder im Alter von drei bis sechs Jahren täglich mit warmen Mahlzeiten (sog. Schwedensuppe) versorgt. Insbesondere im Hungerwinter 1946/47, der die ohnehin katastrophale Wohnungs- und Ernährungssituation in den stark kriegszerstörten Städten Deutschlands noch verschärfte, rettete die Schwedenspeisung insgesamt etwa 120.000 Kindern das Leben. Die Säuglingssterblichkeit lag damals zeitweise bei mehr als zwanzig Prozent.

In der Britischen Besatzungszone fand die Schwedenspeisung insbesondere in den stark zerstörten Ruhrgebietsstädten statt. Auch in der Stadt Essen, deren Innenstadt bei Kriegsende zu mehr als 90 Prozent zerstört war, richtete das schwedische Rote Kreuz ab Februar 1946 zunächst 80, zweitweise bis zu 95 über das Stadtgebiet verteilte Essensausgabestellen ein. Die Kinder mussten ihr eigenes Essgeschirr mitbringen und die Portionen vor Ort verzehren. Eine Vielzahl von ehrenamtlichen Helferinnen, die die Schwedensuppe auch selbst essen durften, versorgte täglich tausende Kinder zu zwei Ausgabezeiten. Allein im Zeitraum zwischen dem 7. Februar und dem 29. Juni 1946 wurden insgesamt 1.747.338 Portionen Schwedensuppe an bis zu 23.650 Essener Kinder im Vorschulalter verteilt. Ab 1947 war das Schwedische Rote Kreuz dann auch an der Schulkinderspeisung in Essener Volksschulen beteiligt.

Organisiert wurde die Schwedenspeisung von wechselnden schwedischen Delegationen (Teams). Sie waren jeweils für eine Stadt zuständig und arbeiteten in Essen eng mit der Essener Nothilfe, einem Zusammenschluss des Wohlfahrtsamtes der Stadt Essen mit den Wohlfahrtsverbänden Caritas-Verband, Evangelischer Gemeindedienst für Innere Mission, Arbeiter-Wohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz und dem 1946 neu gegründeten Gemeinschaftshilfe e.V., zusammen.

Rittmeister Folke Linton war von Februar bis Juni 1947 für einige Monate Leiter der schwedischen Delegation in Essen. Für sein Engagement bedankte sich die Essener Bevölkerung bei ihm mit einem Erinnerungsalbum an einen von Kindern in Essen-Steele am 21. Mai 1947 gestalteten Dankabend für das schwedische Volk und anderen Dankesgaben, die er mit nach Schweden nahm und die bis zur Übergabe an die Stadt Essen im Archiv der Familie verwahrt wurden.

Im August 2020 wandte sich Lintons Enkel Erik Forsberg erstmals an das Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv, um diesem die für die Stadtgeschichte bedeutenden Unterlagen zunächst zur Digitalisierung zu überlassen. Nach der Digitalisierung war ursprünglich die Rückgabe an die Familie geplant. Doch dann entschloss sich die Familie Forsberg, der Stadt Essen die Originaldokumente zu schenken. Allerdings verzögerte sich die offizielle Übergabe durch die Coronavirus-Pandemie.

Umso erfreulicher ist es, dass der Termin nun endlich stattfinden konnte. Oberbürgermeister Thomas Kufen und Dr. Claudia Kauertz, Leiterin des Hauses der Essener Geschichte/Stadtarchiv, freuen sich sehr über den wertvollen Neuzugang. Denn bislang sind im Stadtarchiv außer Zeitungsartikeln lediglich einige wenige amtliche Unterlagen zu diesem heute weitgehend vergessenen Kapitel der Stadtgeschichte in der Nachkriegszeit vorhanden.

Nach der offiziellen Übergabe im Rathaus wurden die schwedischen Gäste im HdEG begrüßt. Hier erfolgte zunächst die Unterzeichnung des Schenkungsvertrages, der die Besitzübertragung rechtsgültig dokumentiert. Im Rahmen einer Führung durch das Institut konnten sich die Gäste davon überzeugen, dass die Dokumente künftig von der Stadt Essen auf Dauer sachgerecht verwahrt und für die Nutzung bereitgestellt werden. Die Übergabe bietet also die beste Gewähr dafür, dass die wertvollen Originale auch künftigen Generationen noch zur Verfügung stehen.

Die Schenkung enthält neben dem liebevoll gestalteten Erinnerungsalbum vor allem Fotografien aus Essen und die Korrespondenz von Folke Linton über die Organisation der Schwedenspeisung in der Stadt Essen (vorwiegend in schwedischer Sprache). Die Unterlagen wurden im HdEG umgehend verzeichnet und konservatorisch bearbeitet und können ab sofort von jedem Interessierten nach Voranmeldung im Lesesaal eingesehen werden.

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