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Engagement
Sport
12.08.2026
4 Min

Mut beginnt im Wasser

Warum ein Ehrenamt im Schwimmbad Kindern weit mehr vermittelt als Schwimmen


Es riecht nach Chlor. Aus der Schwimmhalle hallen leise Stimmen, das Wasser liegt noch ruhig im Becken. Kurz vor acht Uhr öffnet sich die Tür. Eine Grundschulklasse kommt herein. Einige Kinder laufen neugierig zum Wasser. Andere bleiben lieber noch einen Moment stehen. Ein Mädchen betrachtet das Becken aus sicherer Entfernung. Das Handtuch hält sie fest umklammert, ihr Blick wandert immer wieder zum Wasser. Man sieht ihr an, dass sie sich noch nicht traut.

Uwe Lascheit hat diesen Blick schon oft gesehen. Der 68-Jährige geht langsam auf das Mädchen zu. Kein lautes Zureden, keine Eile. "Heute machen wir das gemeinsam." Ein paar Minuten später steht das Mädchen im Wasser. Noch umklammern ihre Hände den Beckenrand. Für das Mädchen ist es nur ein kleiner Schritt. Für Uwe Lascheit ist es einer von vielen Momenten, die zeigen, warum sich sein Ehrenamt lohnt.

Der erste Schritt beginnt mit Vertrauen

Wer schwimmen lernt, lernt weit mehr als Armzüge oder den richtigen Beinschlag. Schwimmenlernen bedeutet mehr als Technik. Kinder lernen, dem Wasser zu vertrauen – und mit jedem Fortschritt auch ein Stück mehr sich selbst. Genau dabei begleitet Uwe Lascheit die Kinder.

Seit mehreren Jahren engagiert er sich als Schwimmassistenz bei der Initiative "Fit fürs Wasser – von Anfang an sicher". Während die Lehrkräfte den Unterricht leiten, bleibt er bei den Kindern, die noch etwas mehr Zeit brauchen. Er unterstützt, wenn nötig, erklärt Bewegungen immer wieder und beobachtet aufmerksam, wann aus Unsicherheit langsam Neugier wird. "Loben ist wichtig", sagt er. "Jeder kleine Fortschritt motiviert." Das könne schon der erste Sprung ins Wasser sein. Oder der Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal den Kopf untertaucht. "Die Kinder merken plötzlich, dass sie schweben können. Dann trauen sie sich immer mehr." Wie viele Kinder er inzwischen begleitet hat? "Das weiß ich schon gar nicht mehr.“ Er sagt das fast beiläufig.

Vom Baldeneysee ins Stadtbad

Dass Uwe Lascheit heute Kindern das Schwimmen beibringt, ist eigentlich kein Zufall. Auch seine eigene Geschichte beginnt am Wasser. "Mein Vater hat meinem Bruder und mir das Schwimmen im Baldeneysee beigebracht", erzählt er. Damals sei das Wasser deutlich kälter gewesen. "Und die Methoden wahrscheinlich auch", sagt er und lacht. Für ihn war Schwimmen nie nur Sport. Wer in einer Stadt mit dem Baldeneysee, der Ruhr und zahlreichen Freibädern lebt, sollte sich im Wasser sicher bewegen können. Denn beim Spielen am Wasser könne immer etwas passieren. Dann sei es wichtig, ruhig zu bleiben und zu wissen, wie man wieder ans Ufer kommt. Viele Jahre arbeitete Uwe Lascheit als Betriebsleiter am Düsseldorfer Flughafen. Nach dem Ruhestand wollte er aktiv bleiben. Dann entdeckte er einen Zeitungsaufruf der Stadt Essen. Gesucht wurden Menschen, die den Schwimmunterricht an Grundschulen unterstützen. "Ich wollte im Ruhestand nicht rosten." Also meldete er sich. Und blieb.

Heute gehört das Stadtbad Borbeck zu seinem Alltag. Mehrmals in der Woche unterstützt er den Unterricht. Auch er selbst zieht regelmäßig seine Bahnen und hat erst kürzlich seinen Rettungsschwimmschein in Silber erneuert.

Warum jede Schwimmassistenz zählt

Ob am Baldeneysee, im Freibad oder im Urlaub am Meer – schwimmen zu können gibt Kindern Sicherheit. Für viele Kinder sind das unbeschwerte Erlebnisse. Für andere bedeuten sie Unsicherheit. Während der Corona-Pandemie fielen Schwimmkurse aus, Bäder blieben geschlossen und viele Kinder konnten das Schwimmen nicht lernen. Doch auch heute fehlt Familien im Alltag oft die Zeit, regelmäßig ein Schwimmbad zu besuchen. Hinzu kommt: Manche Eltern haben selbst nie richtig schwimmen gelernt und können ihren Kindern diese wichtige Fähigkeit deshalb nicht vermitteln.

Genau hier setzt die Initiative "Fit fürs Wasser – von Anfang an sicher" an. Sie wurde 2021 von Oberbürgermeister Thomas Kufen gemeinsam mit der Stadt Essen und dem Essener Sportbund e.V. (ESPO) ins Leben gerufen. Ehrenamtliche Schwimmassistenzen unterstützen seitdem den Unterricht an Essener Grundschulen und schenken den Kindern vor allem das, was im Wasser oft fehlt: Zeit, Aufmerksamkeit und individuelle Begleitung.

Heute engagieren sich 26 Ehrenamtliche an 57 Essener Grundschulen. Gemeinsam begleiten sie 86 Schwimmgruppen in 13 Bädern. Im Schuljahr 2026/2027 sollen auf diese Weise mehr als 6.000 Drittklässler*innen beim Schwimmunterricht unterstützt werden.

Damit das gelingt, sucht die Initiative weitere Schwimmassistenzen. Die notwendige Rettungsfähigkeit muss dabei nicht bereits vorhanden sein. Die Qualifizierung erfolgt im Rahmen der Initiative. Die Einsätze können flexibel abgestimmt werden und werden mit 15 Euro pro Unterrichtseinheit vergütet.

Wenn aus Angst Stolz wird

Die Stunde ist fast vorbei. Das Mädchen vom Anfang steht wieder am Beckenrand. Diesmal schaut sie nicht mehr zögernd auf das Wasser. Sondern nach vorne. Sie stößt sich ab. Erst einen Meter. Dann noch einen. Als sie den Beckenrand erreicht, dreht sie sich um. "Hast du gesehen?", ruft sie stolz.

Uwe Lascheit lächelt. Für ihn sind genau diese Momente der schönste Lohn seines Ehrenamts. Nicht jede Schwimmstunde endet mit einem Seepferdchen- oder Bronze-Abzeichen. Aber fast jede endet mit einem Kind, das ein bisschen mutiger nach Hause geht als zuvor. Vielleicht ist genau das der wichtigste Erfolg. Denn manchmal braucht es nur einen Menschen, der einem Kind das Gefühl gibt, sicher zu sein.

Weitere Informationen zur Initiative "Fit fürs Wasser – von Anfang an sicher" und zur Anmeldung als Schwimmassistenz gibt es unter www.essen.de/fit-fuers-wasser.


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