COA-Aktionswoche – Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien sollen gehört und gesehen werden

07.02.2022

Zahlreiche Essener Organisationen beteiligen sich dieses Jahr in Essen an der COA (children of alcoholics)-Aktionswoche vom 13. bis 19. Februar. Die Organisator*innen rücken Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien eine Woche lang in den Fokus der Öffentlichkeit damit deutlich wird: Mehr als 3,8 Millionen Kinder in Deutschland leiden unter den Suchtproblemen ihrer Eltern.

Zu den teilnehmenden Organisationen gehören Caritas-SkF-Essen gGmbH, Fachklinik Kamillushaus, Gymnasium Wolfskuhle, Jugendpsychologisches Institut der Stadt Essen, Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Essen e.V., Buchhandlung Schmitz Junior, Regionale Schulberatungsstelle der Stadt Essen, Stadtbibliothek Essen, Suchthilfe direkt Essen gGmbH und Wiese e.V. Alle teilnehmenden Organisationen engagieren sich für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien und möchten ihnen eine Stimme geben.

Kinderstimmen erzählen:

"Es macht mich ganz verzweifelt, dass mein Vater krank ist. Hoffentlich kriege ich das nicht auch." P., 12 Jahre, Vater mit paranoider Schizophrenie.

"Ich muss mich immer selbst trösten. Von anderen lasse ich mich lieber nicht trösten. Die sagen dann nur das alles gut wird." L., 10 Jahre, Mutter mit Suchterkrankung.

"Ich versuche immer keine extra Schwierigkeiten zu machen." C., 13 Jahre alt, Vater mit Spielsucht.

L. ist fleißig. Nach der Schule räumt sie die Küche auf, entsorgt die leeren Flaschen, leert die Aschenbecher und lüftet die Wohnung. Dann bereitet sie das Abendbrot für ihre beiden jüngeren Brüder vor. L. ist zwölf Jahre alt. Ihre Mutter ist alkoholkrank.

D. hat Probleme in der Schule, oft ist er in Schlägereien auf dem Schulhof verwickelt. Mit seinen Freunden zieht er nachmittags um die Häuser, sie beschmieren Häuserfassaden oder lassen ein paar Flaschen im Supermarkt mitgehen. Seine Eltern bringen ihm selbst nach diesem auffälligen Verhalten wenig Beachtung entgegen. Sie sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.

A. verkriecht sich am liebsten in ihr Zimmer. Dann liegt sie auf ihrem Bett, liest, träumt vor sich hin oder schaltet den Fernseher an. Vor den Streitereien und dem Knallen der Türen kann sie sich dadurch allerdings nicht abschotten. Die Mutter weint oft und erzählt schluchzend, was der Papa wieder gemacht hat. A. hört stillschweigend zu.

Betroffene Familien unterstützen

"Ich freue mich sehr, dass sich so viele Organisationen mit unterschiedlichen Angeboten und Aktionen engagieren, um Kinder in einer besonders belasteten Familiensituation zu unterstützen und ihnen eine Perspektive zu geben", sagt Carsten Bluhm, Jugendamtsleiter der Stadt Essen. "Es ist enorm wichtig, dass alle Fachkräfte, die mit Kindern Kontakt haben mit einem geschulten Blick, Probleme erkennen, die Kinder belasten und Hilfen organisieren."

Die Teilnehmer*innen der COA-Aktionswoche machen durch unterschiedlichste einzelne Aktionen wie Sprechstunden oder Podcasts auf Kinder aus suchtbelasteten Familien und Unterstützungsangebote in Essen aufmerksam. Betroffene Kinder, Jugendliche oder Eltern können sich an das Essener Familienberatungstelefon unter 0201 88-51033 wenden. Am Beratungstelefon unterstützen Fachkräfte wie Psychologinnen*Psychologen, Sozialpädagoginnen*pädagogen, Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen*therapeuten. Unter www.essen.de/coa sind ab Mittwoch, 9. Februar, 12 Uhr, sämtliche Angebote aus Essen zu finden.

Petra Kogelheide vom Jugendpsychologischen Institut erklärt: "Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien werden oft im Kontext Schule oder in anderen Einrichtungen auffällig. Sie verstehen anfangs oft nicht, was ihre Eltern haben und versuchen Probleme zu verschleiern."

Jana Gurk von der neue Fachstelle Else der Stadt Essen bietet Informationen und Koordinierung von Hilfsangeboten für Kinder aus psychisch und/oder suchterkrankten Familien. Sie hat die COA-Aktionswoche mit den Netzwerkpartner*innen koordiniert. "Es ist wichtig, dass wir viele Menschen erreichen, damit sie verstehen wie sie Kindern helfen können. Gerade Suchterkrankungen sind noch immer ein Tabuthema. Deshalb vertrauen sich Kinder oftmals recht spät erst Vertrauenspersonen mit ihren Problemen an", so die Expertin.

Zahlen und Fakten

  • fast jedes 6. Kind in Deutschland kommt aus einer suchtbelasteten Familie, d.h. aus einer Familie, in der Alkoholsucht oder eine andere Drogensucht den Alltag beherrschen.
  • etwa 6 Millionen Erwachsene sind als Kinder in suchtbelasteten Familien aufgewachsen.
  • Kinder von Suchtkranken sind Risikokandidaten, selbst eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln.

Aber: Diese Kinder sind auch extrem widerstandsfähig, haben vielfältige Begabungen und Kompetenzen. Mit der richtigen Art von Unterstützung können sie sich zu gesunden, lebenstüchtigen Erwachsenen entwickeln.

Zum Hintergrund

Der Jugendhilfeausschuss der Stadt Essen hatte in seiner Sitzung am 14. September 2021 die Umsetzung des Konzepts zur Unterstützung von psychisch erkrankten Eltern und ihren Kindern beschlossen. Im ersten Schritt wurde als Pilotprojekt eine neue interdisziplinäre Fachstelle zur Koordination eingerichtet. Derzeit gibt es in Nordrhein-Westfalen keine vergleichbare Stelle. Die "Fachstelle Elternschaft und seelische Erkrankung" wurde als Pilotprojekt des Gesundheitsamtes und des Jugendamtes eingerichtet. Das Ziel ist, die Unterstützungsangebote für psychisch erkrankte Eltern und ihre Kinder zu strukturieren und zu erweitern. Die neue Fachstelle soll die Hilfen für Betroffene koordinieren. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt, dass eine Verschiebung von körperlichen Erkrankungen zu psychischen Störungen zu verzeichnen ist. Etwa 3,8 Millionen Kinder in Deutschland erleben im Verlauf ihres Lebens die dauerhafte oder vorüberübergehende psychischen Störung eines Elternteils. Etwa 15 Prozent der Kinder sind davon unter drei Jahre alt. Auch in Essen gibt es geschätzt rund 23.000 bis 25.000 betroffene Kinder. Der Aufbau und die Weiterentwicklung des Netzwerkes läuft bereits seit 2017 durch den Arbeitskreis "Elternschaft und seelische Erkrankung" (ElsE). Sie gehört auch zur Arbeitsgemeinschaft für die Planung und Koordinierung psychosozialer Einrichtungen in Essen.

Zur COA-Aktionswoche

Die COA-Aktionswoche findet immer rund um den Valentinstag (14.02.) statt. Die COA-Aktionswoche gibt es seit 2011 in Deutschland und in den USA. Außerdem findet sie z.B. regelmäßig auch in Großbritannien, der Schweiz, in Korea oder Slowenien statt. Ziele der Aktionswoche sind es, Menschen zu sensibilisieren, die mit Kindern arbeiten (Erzieher*innen, Lehrer*innen, Sporttrainer*innen, Jugendgruppenleiter*innen...), um Kinder aus suchtbelasteten Familien zu erkennen, Aktionen und Veranstaltungen durchzuführen, die die Arbeit von Projekten und Initiativen vorstellt und Hilfsangebote öffentlich zu machen.

Herausgeber:

Stadt Essen
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Organisiert wurde die Aktionswoche COA-von Jana Gurk (Mitte), Fachstelle Elternschaft mit seelischer Erkrankung (ElsE) der Stadt Essen.

Das Jugendpsychologische Institut bietet telefonische Beratung für Betroffene an.

Die Caritas-SkF-Essen gGmbH wird Kindern aus suchtbelasteten Familien im Podcast "verabRedet" auf Spotify eine Stimme geben.
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