Spezialisierte Beratung bei sexualisierter Gewalt: Nachfrage in Essen steigt deutlich

Fachstelle berät immer mehr Betroffene und Fachkräfte – komplexere Fälle und neue Herausforderungen durch sexualisierte Gewalt im digitalen Raum

08.09.2026

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Mehr Beratungsbedarf: 2025 wurden 212 Betroffene und 269 Fachkräfte beraten – deutlich mehr als im Vorjahr.
  • Digitale Gewalt nimmt zu: Sexualisierte Gewalt im Internet und Cybergrooming stellen eine wachsende Herausforderung dar.
  • Angebot unter Druck: Wegen steigender Nachfrage und Kosten gibt es bereits sechs bis acht Wochen Wartezeit; die Finanzierung der Fachstelle ist langfristig gefährdet.

In der heutigen (08.09.) Sitzung des Jugendhilfeausschusses wurde ein Bericht der Fachstelle Spezialisierte Beratung bei sexualisierter Gewalt für das Jahr 2025 vorgestellt. Der Bericht zeigt, die Nachfrage nach spezialisierter Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist in Essen erneut deutlich gestiegen. Insgesamt wurden 212 betroffene Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene sowie Eltern und weitere Bezugspersonen beraten. Im Jahr zuvor waren es 198. Noch deutlicher fiel der Anstieg bei der Beratung von Fachkräften aus: Ihre Zahl hat sich von 116 im Jahr 2024 auf 269 im Jahr 2025 mehr als verdoppelt.

Die Fachstelle ist eine Kooperation des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) und des Jugendpsychologischen Instituts (JPI). Mit drei Vollzeitstellen bietet sie spezialisierte Unterstützung für Betroffene und Fachkräfte und ist inzwischen ein fester Bestandteil der Essener Kinderschutzlandschaft. "Sexualisierte Gewalt ist ein Thema, das Kinder und Jugendliche in allen Lebensbereichen und unabhängig von ihrer sozialen Herkunft treffen kann. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene und Menschen, die sich Sorgen machen, schnell kompetente und verlässliche Hilfe erhalten", so die Einschätzung der Fachstelle.

Individuelle Hilfe für Betroffene

Die Beratung richtet sich an Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Eltern und weitere Bezugspersonen. Dabei geht es häufig darum, Erlebtes einzuordnen, Schuld- und Verantwortungsfragen zu klären, Selbstwert und Selbstwirksamkeit zu stärken und Betroffene zu stabilisieren. Je nach Situation umfasst die Unterstützung auch therapeutische Angebote oder die Begleitung zu polizeilichen Befragungen und anderen Terminen. Die Beratungsfälle werden dabei zunehmend komplexer und erfordern teilweise längere und intensive Beratungsverläufe. Die Fachstelle betont: Die Unterstützung der Betroffenen hat unabhängig von laufenden Ermittlungs- oder Gerichtsverfahren Priorität.

Mehr Unterstützung für Fachkräfte

Auch Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen wenden sich zunehmend an die Fachstelle. Zu den Ratsuchenden gehören unter anderem Schulleitungen, Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen, Mitarbeitende aus stationären Einrichtungen, Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege sowie Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes (ASD).

Der starke Anstieg der Fachberatungen zeigt, dass die Sensibilität für das Thema wächst und Fachkräfte zunehmend Unterstützung bei der Einschätzung und dem Umgang mit Verdachtsfällen suchen. Ergänzend bietet die Fachstelle Informationsveranstaltungen, Schulungen und Fachtage an. Seit 2024 ist sie zudem regelmäßig an der Schulung neuer ASD-Fachkräfte der Stadt Essen beteiligt.

Enge Vernetzung im Kinderschutz

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die enge Zusammenarbeit mit weiteren Akteurinnen*Akteuren des Kinderschutzes. Dazu gehören unter anderem die InsoFa-Fachkräfte des Jugendamtes (Anonyme Fallberatung bei Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung) die Fachgruppe Qualität im Kinderschutz des Jugendamtes, der Schulpsychologische Dienst und die Polizei. Gemeinsam mit den Kinderschutzfachkräften des Jugendamtes werden regelmäßig anonyme Fachberatungen nach den gesetzlichen Vorgaben durchgeführt. Auch Einrichtungen der Jugendhilfe werden unterstützt, wenn Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Mitarbeitende im Raum stehen. In solchen Fällen begleitet die Fachstelle beispielsweise kurzfristig Elternabende und stellt niedrigschwellige Beratungsangebote zur Verfügung.

Sexualisierte Gewalt im digitalen Raum nimmt zu

Eine besondere Herausforderung stellt die zunehmende sexualisierte Gewalt im digitalen Raum dar. Auch Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche spielen eine immer größere Rolle. Ein massiver Zuwachs ist unter anderem in den Bereichen der Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und der sexualisierten Gewalt im digitalen Raum zu verzeichnen. Wie der aktuelle Jahresbericht von jugendschutz.net (2026) zeigt, dokumentierte die Stelle im Jahr 2025 insgesamt 15.099 registrierte Verstöße im Netz; die meisten Verstöße betrafen den Bereich der sexualisierten Gewalt. Aktuelle Daten zur Verbreitung digitaler sexualisierter Gewalt belegen die Relevanz des Problems: Im Jahr 2025 berichtete etwa ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland im Alter von 12 bis 19 Jahren, bereits einmal sexualisierte Gewalt im Netz erlebt zu haben (vgl. Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Zahlen und Fakten). 28 Prozent der Befragten gaben an, ungewollt mit pornografischen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein. Ebenfalls 24 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 17 Jahren berichteten von Cybergrooming-Erfahrungen, wobei 16 Prozent der Kinder unter 14 Jahren bereits direkt davon betroffen waren. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weist für das Jahr 2025 insgesamt 41.677 ausermittelte Fälle von Missbrauchsdarstellungen an Kindern aus sowie 11.515 Fälle an Jugendlichen. Die insgesamt hohe Nachfrage verdeutlicht, wie wichtig spezialisierte und gut erreichbare Beratungsangebote sind. Gleichzeitig bestehen inzwischen Wartezeiten von sechs bis acht Wochen. Akute Krisenfälle werden weiterhin kurzfristiger versorgt.

Fachstelle vor finanziellen Herausforderungen

Der steigende Bedarf trifft auf schwierige Rahmenbedingungen. Laut Sachbericht wurde die Landesförderung auf dem Stand von 2023 eingefroren. Gleichzeitig steigen insbesondere die Personalkosten. Die Fachstelle weist darauf hin, dass ohne eine Anpassung der Förderung an die tatsächliche Kostenentwicklung die langfristige Sicherung des spezialisierten Beratungsangebotes gefährdet sein kann.

Die Kooperation zwischen dem DKSB und dem JPI hat sich nach Einschätzung des Sachberichts bewährt und ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil der kommunalen Kinderschutzlandschaft in Essen geworden. Gemeinsam leisten die beiden Partner einen wichtigen Beitrag dazu, Kinder und Jugendliche zu schützen und Betroffene sowie ihre Familien nicht allein zu lassen.

Weitere Informationen

Jeder Verdachtsfall auf sexuellen Missbrauch muss ausgeräumt werden. Die gemeinsame Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche des Jugendpsychologischen Institutes des Jugendamtes und des Kinderschutzbundes Ortsverband Essen e.V. ist online unter www.essen.de/gegensexualisiertegewalt zu finden.

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