Die Stadt Essen entwickelt Post-Corona-Strategie und beschließt Sofort-Maßnahmen für Kinder und Jugendliche in Höhe von 913.500 Euro

25.08.2021

Seit Beginn der weltweiten Corona-Pandemie im März 2020 hat sich auch das Leben von 13 Millionen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien in Deutschland schlagartig verändert. Schulen und Kitas wurden (zeitweise) geschlossen, soziale Kontakte reduziert und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung deutlich eingeschränkt. Durch Homeschooling und fehlende Betreuungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten kamen viele Familien an ihre Belastungsgrenzen. In engem Schulterschluss aller Akteur*innen in Essen konnten in dieser Zeit unter den Vorgaben der jeweils aktuellen Coronaschutzverordnung die vorhandenen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in angepasster Form – häufig als digitale Formate – weiterhin umgesetzt und damit der Kontakt zu vielen Heranwachsenden in Essen trotzdem aufrecht erhalten werden.

"Post-Corona-Strategie" der Stadt Essen

Die vorhandenen Angebote zur Förderung sind mittelfristig nicht ausreichend, um Kinder, Jugendliche und ihre Familien in der notwendigen Form zu unterstützen. Die Defizite aus der Corona-Pandemie sind häufig in der sprachlichen und motorischen Entwicklung von Kindern festzustellen. Deshalb hat die Stadt Essen unter der Federführung des Jugendamtes eine geschäfts- und fachbereichsübergreifende Arbeitsstruktur mit Gesundheitsamt, Kommunalem Integrationszentrum, Fachbereich Schule, JobCenter sowie mit Vertreter*innen der Wohlfahrtsverbände und Akteuren der Jugendförderung etabliert, um Entwicklungen zu analysieren und Lösungsstrategien zu entwickeln.

"Es war schnell klar, dass wir neue Hilfsangebote schaffen und gut koordinieren müssen", so Oberbürgermeister Thomas Kufen. "Gemeinsam mit dem Deutschen Städtetag haben wir finanzielle Mittel von Bund und Land eingeworben. Als Kommune setzen wir mit Unterstützung der Träger die Hilfsan-gebote und gezielten Förderungen in Essen jetzt konkret um", erläutert das Stadtoberhaupt die Initiative.

Akteur*innen konzentrieren sich auf acht Handlungsfelder

Die Akteur*innen haben in Essen insgesamt acht Handlungsbedarfe festgestellt und Lösungen entwickelt. Sie engagieren sich in der Aufarbeitung von Informationsdefiziten (1), für kurzfristige Unterstützungsangebote für Familien bei existenziellen Notlagen (2), Maßnahmen zur Kontakterhaltung von Bürger*innen (3), Hilfen bei psychischen Belastungssituationen bei Kindern, Jugendlichen und Familien (4), Förderangeboten in Bereich Motorik und Be-wegung (5), Förderangebote zur Deutschförderung und Sprachentwicklung (6), Maßnahmen zur Reduzierung von Bildungsrückständen (7) sowie für die berufliche Orientierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen (8). "Die Stadt schafft Rahmenbedingungen zur Umsetzung von dringend notwendigen Sofortmaßnahmen. Insgesamt steht bis Ende des Jahres eine Förder-summe von bis zu 913.500 Euro zur Verfügung. Diese Mittel werden beispielsweise für (Förder-)Maßnahmen an Schulen, Sport- und Bewegungsan-gebote, Ferienprogramme und Sprachbildungsgruppen /Deutschförderangebote eingesetzt", sagt Muchtar Al Ghusain, Geschäftsbereichsvorstand Jugend, Bildung und Kultur der Stadt Essen. Bund und Land haben unter den Überschriften "Aufholen nach Corona" und "Ankommen nach Corona" (Förder-)Programme auf den Weg gebracht. Die Programme werden ebenfalls zur Ausgestaltung der Essener "Post-Corona-Strategie" genutzt. "Wir prüfen fortwährend, ob die Anpassungen des Regelsystems und ergänzende Angebote ausreichend sind, um die pandemiebedingten Folgen einzugrenzen oder bei Bedarf neu ausgerichtet werden müssen", macht Carsten Bluhm, Fachbereichsleiter des Jugendamtes der Stadt Essen den laufenden Prozess deutlich.

Zum Hintergrund

Überblick über die acht Handlungsfelder der Post-Corona-Strategie der Stadt Essen

Handlungsfeld 1: Umgang mit Informationsdefiziten rund um das Pandemiegeschehen bei Kindern, Jugendlichen und Familien

Die Stadt Essen hat fachbereichsübergreifend Instrumente entwickelt, um Informationsdefiziten entgegenzuwirken wie zum Beispiel Informationsvideos mit Oberbürgermeister Thomas Kufen und Vertretern von Moscheegemeinden in Essen, Aufklärungsvideos in unterschiedlichen Herkunftssprachen aus dem Impfzentrum in Essen, Übersetzung von Flyern und Plakaten in unterschiedliche Sprachen, Aufbereitung von mehrsprachigen Piktogrammen und Kurzinformationen zur Versendung über Social Media, mobile und dezentrale Beratung rund um das Pandemiegeschehen durch den Einsatz des "Corona-Info-Mobils" an vorab als relevant identifizierten Standorten unter Begleitung von verschiedenen Akteuren des Gesundheitsamtes, des Jugendamtes, des Kommunalen Integrationszentrums und der Träger der freien Wohlfahrtspflege. In den letzten Wochen begleitet es insbesondere die dezentralen Impfangebote in den Stadtteilen, die ein niederschwelliges Angebot zur Impfung für alle Bürger*innen ermöglichen. Dadurch werden auch Informationsdefizite rund um das Pandemiegeschehen insgesamt weiter verringert. Zudem wurde die aufsuchende Beratungsarbeit verstärkt und mehrsprachige Elterninformationen rund um das Thema "Corona und Schule" entwickelt.

Handlungsfeld 2: Kurzfristige Unterstützungsangebote zum Umgang mit existenziellen Notlagen von Familien

In Essen wurden zur Abmilderung von existenziellen Notlagen von Familien Gegenmaßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel eine Essensverteilung im Frühsommer 2020 und Winter/Frühjahr 2021, vorrangig während der Schließung von Schulen und Kindertagesbetreuungsangeboten, die kontinuierliche Möglichkeit zur Nutzung der Kleiderkammer durch Familien nach vorheriger Terminabsprache sowie darüber hinaus die Prüfung der Notwendigkeit einer dezentralen Kleiderausgabe für Familien. 19.500 Tablets stellte die Stadt Essen im Sommer 2020 bereit und hat rund 800 weiteren Endgeräten 2021 nachbestellt. Ab 2021 wurde die Möglichkeit der Bezuschussung von Endgeräten für Menschen im Leistungsbezug durch das JobCenter geschaffen. Zudem lässt das Jugendamt derzeit im Rahmen der Sofortmaßnahmen weitere Endgeräte aus einer Firmenspende aufbereiten, um diese "bedürftigen" Kindern und Jugendlichen zeitnah zukommen zu lassen. Weiteren existenziellen Notlagen konnten über Einzelfalllösungen begegnet werden.

Handlungsfeld 3: Maßnahmen zur Kontakterhaltung und -ausweitung zu Bürger*innen sowie Entzerrung sozialer Isolation und Freizeitangebote

Die Stadt Essen hat je nach Möglichkeiten der jeweils gültigen Coronaschutzverordnung mit der Modifizierung bestehender Angebote (zum Beispiel durch Umstellung auf digitale Formate), der Verstärkung von aufsuchender Arbeit in den Stadtteilen, der Umsetzung von außerschulischen Bildungsangeboten in Kleingruppen in Präsenz und dem Ausbau von Ferienaktionen reagiert. Ab dem 7. Juni konnten die Bürgerzentren, Einrichtungen der Stadtteilarbeit und Jugendhäuser wieder partiell geöffnet werden. Durch diese und weitere Öffnungen erweiterte sich der Gestaltungsspielraum zur Realisierung von Angeboten. Für die Sommerferien wurden weitere Rahmenbedingungen für möglichst viele weitere Angebote geschaffen, so dass rund 900 Angebote umgesetzt werden konnten. Ergänzend werden folgenden Freizeitangebote in den kommenden Monaten weiter verstärkt:

  • Umsetzung zusätzlicher (erlebnis-)pädagogischer Angebote
  • Realisierung von Tagesausflügen
  • Umsetzung von Ferien- und Familienfreizeiten
  • Verstärkte Öffnung des öffentlichen Raums für Jugendliche
  • Beratung hinsichtlich des Kinderfreizeitbonus für Familien

Handlungsfeld 4: Strategien zum Umgang mit (psychischen) Belastungsmomenten bei Kindern, Jugendlichen und Familien

Mit der voranschreitenden Öffnung der Bildungseinrichtungen werden nun zusätzliche Aktivitäten, auch im Rahmen der Sondermaßnahmen, realisiert wie beispielsweise niederschwellige und bedarfsorientierte Beratungsangebote in Regeleinrichtungen wie Kita und Schule durch unterschiedliche Akteure, aufsuchende Angebote der Erziehungsberatungsstellen an Schulen, unterschiedliche Gruppenangebote zur Auseinandersetzung und Aufarbeitung des Pandemiegeschehens, insbesondere am Lernort Schule. Nach der erfolgten Aufnahme des Präsenzunterrichts wird die Stadt überprüfen, ob zusätzliche Personalkapazitäten geschaffen werden sollten, um eine Beratung des pädagogischen Personals an Schulen durch die Schulberatungsstelle sowie aufsuchende Angebote der Erziehungsberatungsstellen in Schulen zur Beratung von jungen Menschen und ihren Eltern im notwendigen Umfang absichern zu können. Im Zuge der Pandemie wurde die Bedeutung der Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien ersichtlich. Nicht alle Eltern konnten die (technische) Begleitung ihrer Kinder beim Homeschooling gleichermaßen leisten. Hier werden die strukturellen Rahmenbedingungen mit medienpädagogischen Elternbildungsangeboten im Bereich der Medienpädagogik verbessert. Ergänzend sollen Präventionsprojekte im Bereich Social Media und Cybergewalt für Kinder und Jugendliche realisiert werden.

Handlungsfeld 5: Förderangebote im Bereich der Motorik und Bewegungsangebote

Neben psychischen Belastungen wurde auch der Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen in Essen festgestellt. Bewegungsmangel führt in vielen Fällen zu konditionellen Defiziten und Übergewicht. Inzwischen können Sportangebote zunehmend wieder aufgenommen werden. Über die Sofortmaßnahmen wurden in den Ferien Sport- und Bewegungscamps, insbesondere im Essener Norden, umgesetzt. Nach den Sommerferien erfolgt zudem eine Ausweitung der sogenannten Bewegungswerkstatt zur Umsetzung von Bewegungsangeboten in Schulen. Weitere Maßnahmen sind bereits geplant wie beispielsweise zusätzliche Sport- und Bewegungsangebote im öffentlichen Raum, Erweiterung von Schwimmkursangeboten, sportartübergreifende "Schnupperkurse", Ausweitung des Pilotprojektes "Bewegt und Gesund aufwachsen im Quartier"“ in Kitas und Grundschulen für Kinder von 0 bis 10 Jahren, die Wiederaufnahme der Arbeit des Kindergesundheitsmobils und die Eltern-Kind-Angebote zum Thema gesunde Ernährung.

Handlungsfeld 6: Förderangebote zur Deutschförderung und Sprachentwicklung

Bei einigen Kindern wurde eine Stagnation oder sogar Rückschritte beim Spracherwerb sowie beim Erwerb der deutschen Sprache festgestellt. Diese Rückschritte konnten von Kindern in Kitas in vielen Fällen nach Aufnahme des Regelbetriebs schnell wieder aufgeholt werden. Vor diesem Hintergrund sind insbesondere Kinder ohne Kitaplatz in den Blick zu nehmen. In Essen haben knapp 100 Kinder, die ab diesem Sommer die Schule besuchen werden, in den Monaten vor den Sommerferien eine Deutschförderung erhalten. Für das Schuljahr 2022/2023 wurden zudem weitere rund 300 Kinder identifiziert, die ein entsprechendes Angebot ab Oktober erhalten sollen. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, werden folgende Aktivitäten umgesetzt:

  • flankierende Elternbildungsangebote zum Thema "Schuleintritt"
  • Aufhebung der wöchentlichen Stundenbegrenzung im Zuge der BuT-Lernförderung (Bildungs- und Teilhabepaket) für Sprachförderung über das Modul "Deutsch als Fremdsprache" sowie entsprechende Kompaktangebote für die Dauer der Ferien
  • Fördermöglichkeit der BuT-Kompaktangebote des Moduls "Deutsch als Fremdsprache" ab dem ersten Schultag und nicht wie bislang erst nach Abschluss des ersten Halbjahres sowie Erweiterung der Förderzeiten
  • (De-)zentrale Ferienprogramme zur Deutschförderung

Im Rahmen der Ausweitung des Bundesprojektes "Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist" haben 16 städtische Kitas und acht Kindertageseinrichtungen der freien Träger eine Interessensbekundung beim Landesministerium eingereicht. Im Bereich der Frühen Hilfen wurden der Stadt Es-sen über die Bundesstiftung zusätzliche Mittel für Angebote für Familien mit Kindern im Alter von bis zu drei Jahren zur Verfügung gestellt. Erste Projekte haben die Arbeit bereits aufgenommen.

Handlungsfeld 7: Maßnahmen zur Reduzierung von Bildungsrückständen und Angebote der Lernförderung

Einige Schüler*innen haben in der Pandemiezeit weniger gelernt. Durch das Distanzlernen entstanden stellenweise Frustration und Motivationsverlust. Verlässliche Zahlen zu Bildungsrückständen lassen sich erst feststellen, wenn die regelhafte Öffnung der Bildungseinrichtungen und die Rückkehr zum Präsenzunterricht weiter fortgeschritten sind. Dennoch zeichnen sich bereits jetzt Unterschiede ab, die davon abhängig sind, wie gut es Familien gelungen ist, ihre Kinder und Jugendlichen im Homeschooling zu unterstützen. Einige Jugendliche in Essen gaben beispielsweise an, dass sie sich durch den Distanzunterricht überfordert fühlten. "Die Schulen melden uns großen Unterstützungsbedarfe. Dies betrifft sowohl das Aufholen von Lernrückständen als auch den psycho-sozialen Bereich"“, so die Leiterin des Fachbereichs Schule, Andrea Schattberg.

Um diesen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu begegnen, wurden und werden in der Stadt Essen folgende Strategien genutzt:

  • Aufhebung der wöchentlichen Stundenbegrenzung im Zuge der Bildung und Teilhabe-Lernförderung im Bereich der fächerbezogenen Lernförderung sowie entsprechender Kompaktangebote im Zuge der Ferien
  • Vereinbarung in Essen, dass pandemiebedingt Kindern bereits nach dem ersten Schulhalbjahr und nicht erst nach Ablauf des ersten Schuljahres eine Lernförderung über Bildung und Teilhabe ermöglicht werden wird

Zusätzlich wurden in den Sommerferien erneut – wie auch in den letzten Schulferien – Angebote der Lernförderung im Rahmen des Landesprojektes "Extra-Zeit zum Lernen NRW" umgesetzt. Die Förderangebote werden in den Herbstferien fortgeführt und voraussichtlich über die zusätzlich zur Verfü-gung gestellten Bundesmittel ausgeweitet.

Handlungsfeld 8: Berufliche Orientierung beziehungsweise Perspektiven von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Auch die Suche nach passenden Praktikums- und Ausbildungsplätzen ge-staltet sich unter Coronabedingungen für junge Menschen schwieriger. Im Jahr 2020 blieben in Essen 400 Jugendliche ohne einen abgeschlossenen Ausbildungsvertrag. Dem gegenüber steht eine große Anzahl noch unbesetzter Ausbildungsstellen. In Essen gibt es insbesondere branchenspezifische Passungs- und Besetzungsprobleme. Ende April 2021 sind der Agentur für Arbeit Essen rund 5 Prozent weniger freie Ausbildungsstellen gemeldet worden als zur gleichen Zeit im Vorjahr, wohingegen die Anzahl unversorgter Ausbildungsplatzsuchender bislang im Vergleich zum Vorjahr nahezu gleichbleibend war. Im Zuge des Pandemiegeschehens gab es laut der Jugendberufsagentur Essen viele Beratungsanliegen im Zusammenhängen mit schwierige Lebenssituationen von Jugendlichen standen. In Essen wurden angesichts dieser Entwicklungen folgende Aspekte umgesetzt: Modifizierung von vorhandenen Formaten (zum Beispiel Beratung und Begleitung per Telefon, per Video oder Walk and Talks), fortlaufende Anpassung der Planung und Umsetzung von "Kein Abschluss ohne Anschluss"- Bausteinen an das Infektionsgeschehen und die trägergestützten Angebote der beruflichen Ori-entierung wurden nachgeholt.

Kurz-URLs zum Coronavirus-Informationsangebot der Stadt Essen

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Digitale Pressekonferenz zur Post-Corona-Strategie der Stadt Essen mit Oberbürgermeister Thomas Kufen (rechts) und Muchtar Al Ghusain, Geschäftsbereichsvorstand für Jugend, Bildung und Kultur (links).
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