Manuskripte und Drucke aus dem Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

In der Überlieferung des Hauses der Essener Geschichte/Stadtarchiv befinden sich einige handschriftliche und gedruckte Raritäten. So sind in den amtlichen Beständen der Stadt Essen, aber auch in den nichtamtlichen Nachlässen und Sammlungen etwa literarische Manuskripte zu finden, die zum Teil noch aus der Zeit des Spätmittelalters stammen. Und auch die Buch- und Zeitungsbestände der Fachbibliothek Stadt und Region, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, bergen so manchen Schatz. Gehoben und damit zugänglich gemacht werden diese Schätze durch die Ordnung und Verzeichnung des Archivguts, die zu den gesetzlichen Fachaufgaben der Archive gehört. Da sich im Stadtarchiv noch viele unerschlossene Archivbestände befinden, gibt es hier in Zukunft noch so manchen Schatz zu entdecken.

Das Essener Lied vom Tannhäuser

Im Jahre 1925 entdeckte der Stadtarchivar Konrad Ribbeck bei Verzeichnungseinheiten in den damals noch nicht vollständig verzeichneten Unterlagen des Alten Ratsarchivs ein offenkundig sehr altes Papierheft von drei losen Lagen, die in der Mitte gefaltet sind und insgesamt zwölf Seiten ergeben. Die Seitengröße beträgt 14,3 x 10,7 cm. Schriftbild und Sprache weisen es dem Spätmittelalter zu. Mehrere Zeilen der obersten Seite sind nicht mehr zu lesen, weil sie mit Tintenflecken und -spritzern beschmutzt ist. Auch die Ränder sind beschädigt.

Was Ribbeck entdeckt hat, ist die älteste, ursprünglichste und damit wohl wichtigste Fassung der niederdeutschen Überlieferung des Tannhäuserliedes und eines der ganz wenigen überlieferten Zeugnisse der volkssprachlichen Dichtung des Mittelalters aus dem Niederrhein und Westfalen.

Das Tannhäuserlied, überschrieben mit "Aliud Carmen" (lat. Ein anderes Lied), ist das zweite von drei Liedern im sogenannten Essener Liederheft. Neben dem Tannhäuserlied befinden sich in dem Papierheft noch das Mühlenlied und ein Trostlied in Todesnot ("Nu sterck uns, god, yn unser noed"). Das Essener Liederheft und damit auch das Tannhäuserlied wurde vermutlich um 1450 vom Essener Stadtschreiber Johann von Horle verfasst. Das Gedicht hebt an mit der Strophe:

"Aver wyl yck heven aen
van Danuser tho syngen
wat hye wunderss heyfft gedaen
myt (sy) hoefschen mynnen."

Es folgen 22 weitere vierzeilige Reimstrophen. Es wird berichtet, wie der Ritter und Minnesänger "Danhuser" der Liebe zur schönen Göttin Venus und ihren Gefährtinnen verfällt und sieben Jahre bei ihnen im Venusberg verbringt. Als er bereut, verlässt er unter Anrufung Marias und bei Verfluchung der Venus den Berg, pilgert nach Rom, um den Papst um Vergebung seiner Sünden zu bitten. Dieser verweigert ihm jedoch die Absolution, erst wenn sein ("dorrer") Stock rote Rosen hervorbrächte, seien die Sünden vergeben. Im Bewusstsein, dass seine Sünden nicht vergeben werden, kehrt "Danhuser" für immer zum Venusberg zurück und erfährt deshalb nie etwas von dem wunderbaren Ereignis, das nun geschah. Denn bereits nach drei Tagen begann der dürre, trockene Stock zu grünen. Das Lied endet mit der Moral, dass kein Papst einen Sünder, der bereut, abweisen solle.
Durch die Anrufung Marias und das wundersame Ereignis in der Folge gehört das Tannhäuserlied in die Tradition der Marienlegende, die vor dem Hintergrund der Marienverehrung des 12. und 13. Jahrhunderts zu sehen ist.

Der historische Tannhäuser, der landläufig häufig mit der Sage verbunden wird, obwohl ein Zusammenhang nicht nachweisbar ist, lebte als Minnesänger im 13. Jahrhundert und ist Zeitgenosse des Papstes Urban IV. (1261-1264). Vermutlich stammte er aus Thannhausen bei Neumarkt in der Oberpfalz. In der Großen Heidelberger Liederhandschrift ist er als Kreuzzugsritter gemalt. Von ihm sind einige Tanzlieder, Sprüche, Minnelieder und ein Kreuzzugslied überliefert. Er nahm am Kreuzzug Friedrichs II. teil, lebte zeitweise wohlhabend am Hof des Herzogs Friedrich II. des Streitbaren von Österreich. Er starb verarmt vermutlich um 1266.

Weltweit bekannt wurde das Tannhäuserlied durch Richard Wagner, der die von den deutschen Romantikern wiederentdeckte Sage als Stoff für seine Oper "Tannhäuser", uraufgeführt 1845 in Dresden, verarbeitete.


Essener Liederheft: Tannhäuserlied (circa 1450)
Signatur: Rep. 100 Nr. 2593.

Essendisches Gesangbuch

Neben Archiv und Dauerausstellung verfügt das Haus der Essener Geschichte auch über die Fachbibliothek Stadt und Region. Ursprünglich gehörte sie als Abteilung "Heimatkunde" zur Stadtbibliothek Essen und wurde 2010 in das neu geschaffene Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv integriert. Sie umfasst zurzeit circa 18.500 Titel, von denen mit einem Leseausweis der Stadtbibliothek Essen um die 15.000 Titel ausleihbar sind. Sammlungsschwerpunkt der Bibliothek ist das Schrifttum vor allem zur Geschichte von Stift und Stadt Essen sowie für die Entwicklung der Stadt bedeutsamen angrenzenden Regionen.

Der Bücher- und Zeitungsbestand der Fachbibliothek umgreift eine mehr als 400-jährige Schrifttumsgeschichte. Die ältesten Titel gehen auf das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Ein besonders wertvolles und historisch bedeutsames Zeugnis der Stadtgeschichte ist das Essendische Gesangbuch in der Ausgabe von 1676, das zum Präsenzbestand der Fachbibliothek gehört.

Wohl schon ab den 1520ern Jahren ist die Essener Bürgergemeinde durch reisende lutherische Prädikanten mit den Gedanken des Reformators Martin Luther in Berührung gekommen. Ganz sicher ist, dass die Anfänge der Reformation in Essen für die Zeit ab den 1560er Jahren anzusetzen sind. Im Januar 1561 beschloss der Rat der Stadt die Einführung des Gesangs von Kirchenliedern in deutscher Sprache in der Kirche Sankt Gertrudis, der heutigen Marktkirche. Sankt Gertrudis war für die geistliche Betreuung der im Norden der Stadt ansässigen Stadtbevölkerung und der nördlich der Stadt liegenden Landgemeinden zuständig und hatte sich überhaupt zum öffentlichen Versammlungsort der Bürgergemeinde entwickelt. Ohne Zweifel sind die reformatorischen Bemühungen auch im Zusammenhang eines jahrhundertealten Kampfes von Bürgergesellschaft und Äbtissin des Essener Damenstifts um die Herrschaftsverteilung in Essen anzusehen.

1563 beauftragte der Rat den evangelischen Pfarrer Heinrich Barenbroich aus Kastellaun im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken mit der Durchführung der Reformation in Essen. Am 2. Mai 1563 leitete er zum ersten Mal einen lutherischen Gottesdienst in der Kirche Sankt Gertrudis mit der Austeilung des Abendmals in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein. Dieser Tag wird offiziell als Einführung der Reformation in Essen betrachtet. (vgl. Kapitel 3).

Die Umgestaltung des Gottesdienstes im lutherischen Geiste machte auch neue Gesang- und Gebetbücher notwendig. So erschien schon 1614 das erste Essendische Gesangbuch, dem 1616 eine zweite Auflage in fast unveränderter Form folgte. Das hier gezeigte Essendische Gesangbuch wurde 1676 in Dortmund gedruckt und vom Essener Buchbinder Nicolas Herman Hülßhoff verlegt. Es trägt den Titel:

"Neu vermehrtes Essendisches Gesangbuch: darinnen der gantze Psalter Davids, wie auch andere Geist- Lehr- und Trostreiche Gesänge und Lieder des Herrn Lutheri und vieler alten und neuen reinen Evangelischen Lehrern verfasset; und nach Ordnung der Jahrzeit und des H. Catechismi rc. allen Christliebenden Seelen zum Dienst; mit e. sechsfachen Reg. u. nützl. Gebet-Büchlein eingerichtet."

Das über 900 Seiten umfassende Buch enthält in seinen Hauptteilen den Psalter Davids mit den 150 Psalmen in deutscher Übersetzung sowie 276 geistliche Gesänge und Lieder Luthers und anderer evangelischer Lehrer nach Ordnung der Jahreszeiten. Darüber hinaus sind unter anderem ein Register mit den Namenskürzeln der Liedautoren, ein Register zu Glaubensartikeln mit dem dazugehörigen Liedgut und ein thematisches Register nach Ordnung der Jahreszeiten angefügt. Ebenso enthält das Essendische Gesangbuch ein Gebetbuch mit 49 Gebeten. Das hier gezeigte Exemplar stammt aus der Bibliothek des Steeler Apothekers und Heimatforschers Wilhelm Grevel (1835-1918).


Essendisches Gesangbuch, Essen 1676
Signatur: Yc 45.

Essendische Zeitung

Zeitungen sind spätestens für das 19. und 20. Jahrhundert als Massenpresse eine unverzichtbare Quelle der geschichtlichen Überlieferung. Die ersten Zeitungen der Neuzeit, die aber noch nichts gemeinsam hatten mit den Massenblättern späterer Jahrhunderte, gehen auf das frühe 17. Jahrhundert zurück. Zuvor hatten aber wohl schon die Fugger eine Vorform der Zeitung erfunden, indem sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den sogenannten Kaufmannsbriefen Tausende von Informationen aus den Ländern und Regionen zusammenstellen ließen, mit denen sie in wirtschaftlichem Austausch standen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts dann ging die Verbreitung der Zeitung mit der Herausbildung einer bürgerlichen Öffentlichkeit einher, ein Prozess, der auch in Essen nachverfolgt werden kann.

Im Haus der Essener Geschichte verfügen sowohl die Fachbibliothek Stadt und Region als auch die Archivbibliothek über umfangreiche Sammlungen historischer Zeitungen. Sie umfassen einen Zeitraum von rund 270 Jahren Zeitungsgeschichte in Essen von den Anfängen des Zeitungswesens bis in unsere Zeit. In der Breite kann aus einem Angebot von fast 100 verschiedenen Titeln gewählt werden.

Das hier ausgewählte Exemplar "Essendische Zeitung von Kriegs-und Staatssachen" vom 4. November 1783 verweist in die Zeit des noch sehr frühen Zeitungswesens in Essen. 1742 war erstmalig die Ausgabe einer periodisch erscheinenden Zeitung mit dem Titel "Neueste Essendische Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen" herausgebracht worden. Die "Neuesten Essendischen Nachrichten" gelangten 1775 in den Besitz der auch ansonsten im Buchdruck und Verlagshandel weit über die Region bekannt gewordenen Familie Baedeker. Zacharias Gerhard Diederich Baedeker aus Dortmund hatte in diesem Jahr die Essener Witwe eines Buchdruckers geheiratet und die Essener Druckerei übernommen. Das Nachrichtenblatt erhielt den Namen "Essendische Zeitung".

Originalausgaben der Zeitung liegen dem Stadtarchiv für die Zeit ab 1782 vor. Auch Zeitungsnachfolger unter mehrfach geänderten Zeitungsnamen in "Allgemeine Politische Nachrichten", "Essener Zeitung" und schließlich "Rheinisch-Westfälische Zeitung" sind bis 1944 mit wenigen Lücken archiviert. Damit steht der historischen Forschung im Haus der Essener Geschichte ein ganz außerordentlich umfangreiches Sammlungsgut zur Verfügung.

Zur Zeit des präsentierten Exemplars der "Essendischen Zeitung" erschien das Blatt zweimal wöchentlich an einem Dienstag und einem Freitag. Es umfasste vier Zeitungsseiten. Es erlaubte dem Essener Bürgertum einen kleinen Blick in die große weite (europäische) Welt und in näher gelegene Regionen. Lokalnachrichten waren noch nicht Gegenstand der Berichterstattung zu jener Zeit. Die Ausgabe Nr. 88 vom 4. November 1783 stützt sich auf Berichte aus Danzig/Ostpreußen, London, Wien und vom Niederrhein. Sie ist im Familien- und Firmenarchiv der Familie Baedeker überliefert.


Essendische Zeitung Nr. 88 vom 04.11.1783
Signatur: 303 Nr. 1474.

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