Kinderschutz in Essen

Jugendamt sucht Pflegeeltern

10.06.2021

In der vergangenen Sitzung des Jugendhilfeausschusses (08.06.) informierte das Jugendamt im Rahmen der jährlichen Berichterstattung über Herausforderungen und Entwicklungen im Kinderschutz in Essen. Hilfe und Schutz für Kinder sollen vorrangig gemeinsam mit Müttern und Vätern gewährleistet werden. Eltern sollen in die Lage versetzt werden für den Schutz ihrer Kinder selbst Sorge zu tragen.

Meldungen zu Kindeswohlgefährdungen

Die Gesamtzahl der Kinderschutzmeldungen ist laut Jugendamt weiterhin stark schwankend. Für das Jahr 2019 ist ein deutlicher Anstieg zu konstatieren. In 2019 ist die Anzahl von Meldungen durch die Polizei, Familiengerichte, Nachbarschaft, Bekannten, Schulen und Kindertageseinrichtungen angestiegen. Sich ausweitende Kooperationsstrukturen im Rahmen des Kinderschutzes sowie eine größere Sensibilisierung der Gesamtbevölkerung für das Thema tragen zur Erklärung dieser Steigerungsrate bei. Bezogen auf die Quote der festgestellten Kindeswohlgefährdungen ist eine Steigerung von 577 Fällen in 2018 auf 909 Fälle in 2019 festzustellen.

Inobhutnahmen – am häufigsten Altersgruppen von 0 bis 3 und 12 bis 14 Jahren betroffen

Seit circa 2014 hat sich die Zahl der Inobhutnahmen auf einem hohen Niveau mit Schwankungen stabilisiert. Im Jahr 2019 wurden in der Stadt Essen insgesamt 588 Kinder in Obhut genommen, das heißt (in der Regel) außerhalb der Ursprungsfamilie untergebracht. Die Zahl der Inobhutnahmen ist gegenüber dem Vorjahr um 14 Fälle gestiegen. Die Zahl der Inobhutnahmen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist, nach den Höchstständen in 2016 und 2017, rückläufig. Im Jahr 2019 wurden 79 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen. Die vorläufigen Zahlen für 2020 verweisen auf einen weiteren Rückgang auf 63 junge Menschen. Differenziert nach Altersgruppen werden am häufigsten Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren und Kinder im Alter zwischen 12 und 14 Jahren in Obhut genommen. Es wird deutlich, dass insbesondere die Altersphasen der ersten Jahre nach der Geburt und der Beginn der Pubertät für Familien eine besondere Herausforderung darstellen.

Kinder- und Jugendnotruf

Die Fallzahlen des Kinder- und Jugendnotrufes nehmen seit 2015 kontinuierlich zu und sind auf 1.677 Fälle in 2020 angestiegen. Auch die Zahl der Kriseninterventionen vor Ort stieg weiter an und umfasste 2020 insgesamt 438 Fälle. Durch die Aufstockung des Kindernotruf-Personals im Jahr 2018 hat sich die Überprüfung von möglichen Gefährdungsfällen dauerhaft verbessert. Auch die Kooperation des Kinder- und Jugendnotrufes mit den Fachkräften des Allgemeinen Sozialen Dienstes hat sich positiv weiterentwickelt. Der Bekanntheitsgrad des Kinder- und Jugendnotrufes ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Letztendlich lässt sich der Anstieg der Meldungen im Rahmen der Aufhellung des Dunkelfeldes als positives Zeichen werten.

Pflegekinderdienst der Stadt Essen sucht Familien

Der Pflegekinderdienst der Stadt Essen ist dringend auf der Suche nach Familien, die sich vorstellen können, Kinder kurzfristig oder dauerhaft bei sich aufzunehmen. Interessierte, die ein Kind im Notfall unterstützen würden, können sich für Rückfragen an Susanne Schreinert, Abteilungsleiterin der Sozialen Dienste der Stadt Essen wenden, telefonisch unter 88-51010 oder per E-Mail unter Susanne.Schreinert@jugendamt.essen.de. Weitere Informationen sind unter www.essen.de/pflegekinderdienst verfügbar.

Kinderschutz in der Zeit der Pandemie – Belastung von Familien erhöht

Das seit März 2020 anhaltende Pandemiegeschehen hat die Belastung von Familien deutlich erhöht. Seitens des Jugendamtes besteht die Sorge, dass dies unmittelbar Auswirkung auf den Kinderschutz haben könnte. Die Gesamtzahl von Verfahren im Bereich der Kindeswohlgefährdung in Essen beläuft sich gemäß der vorläufigen Statistik für das Jahr 2020 annähernd auf Vorjahresniveau.

Die vorläufige Anzahl festgestellter Kindeswohlgefährdungen ist im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls ziemlich konstant. Bei den Zahlen der Inobhutnahmen ist eine leichte Reduzierung um rund zehn Prozent zu sehen. Die Zahlen der polizeilichen Statistik, die alle Formen häuslicher Gewalt umfassen, sind in 2020 leicht rückläufig. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die aufgrund von körperlicher Gewalt durch Eltern(-teile) gefährdet waren und/oder aufgrund dessen einen Hilfebedarf aufwiesen, belief sich auf 394, was einem minimalen Anstieg von sechs jungen Menschen entspricht.

Dass sich die Anzahl von festgestellten Gefährdungen annähernd auf Vorjahresniveau bewegt, verdeutlicht einerseits, dass der Kinderschutz in Essen auch unter Pandemiebedingungen umfänglich aufrechterhalten werden konnte. Andererseits schließt dies ein mögliches Dunkelfeld, dessen Ausmaß sich erst in den kommenden Monaten oder Jahren umfassend zeigen wird, nicht aus. Diese Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungswerten von Fachkräften aus der Jugendhilfe sowie aus dem Bildungs- und Gesundheitsbereich. Alle Experten weisen immer wieder auf gesteigerte Belastungs- und zunehmende Überforderungssituationen in den Familien hin. Diese erstrecken sich über alle sozialen Schichten und Familien mit Kindern jeden Alters. Soziale Isolation und die existenziellen Nöte der Familien wurden und werden durch die Pandemie partiell verstärkt. Bei jungen Menschen können Auffälligkeiten hinsichtlich von Gewichtszunahmen, gesteigertem Medienkonsum und depressiven Verstimmungen festgestellt werden. Stagnation oder Rückschritte sind teilweise im Bereich der Motorik und hinsichtlich der Sprachentwicklung zu erkennen. Das betrifft vor allem Kinder, die zu Beginn der Pandemie über begrenzte Deutschkenntnisse verfügten. Bildungsrückstände sind zudem besonders dort zu erkennen, wo die Umstellung auf Distanzunterricht die gesamte Familie vor Herausforderungen stellte.

Post-Corona-Strategie und Handlungsbedarfe – Bund und Länder planen ein 2 Milliarden-Paket zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Eltern

Kurzfristige Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen müssen durch mittelfristige Maßnahmen zur Stärkung von bewährten Strukturen auf kommunaler Ebene flankiert werden. Das Jugendamt begrüßt, dass sich hinsichtlich der Umsetzung von kurzfristigen Unterstützungsmaßnahmen Bund und Länder in Planung eines mit zwei Milliarden Euro hinterlegten Programms zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und deren Familien befinden.

Folgende Handlungsbedarfe werden derzeit identifiziert:

• Umgang mit Informationsdefiziten rund um das Pandemiegeschehen bei Kindern, Jugendlichen und Familien,
• kurzfristige Unterstützungsangebote zum Umgang mit existentiellen Notlagen von Familien,
• Maßnahmen zur Kontakterhaltung und -ausweitung zu Bürger*innen beziehungsweise Entzerrung sozialer Isolation,
• Strategien zum Umgang mit (psychischen) Belastungsmomenten bei Kindern, Jugendlichen und Familien,
• Förderangebote im Bereich der Motorik/Freizeit- und Bewegungsangebote,
• Förderangebote zur Sprachförderung und -entwicklung,
• Maßnahmen zur Reduzierung von Bildungsrückständen/Angebote der Lernförderung,
• Unterstützung zur beruflichen Orientierung beziehungsweise Perspektiventwicklung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Die Stadt Essen hat sich im Zuge eines geschäfts- und fachbereichsübergreifenden Abstimmungsprozesses entschieden, dass die Fachbereiche Schule, Jugendamt, Gesundheitsamt, JobCenter sowie das Kommunale Integrationszentrum Lösungen entwickeln.

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